Bald schon ist Weihnachtszeit, fröhliche Zeit…

…dann ist der Weihnachtsmann gar nicht mehr weit! Bis dahin haben Otto und Ottilie Normalverbraucher noch alle Hände voll zu tun. Jeder Tag – vom ersten Advent bis über den Jahreswechsel hinaus – ist schon verplant. Geschenke kaufen, verpacken, mit lustigen Namensschildern versehen, Plätzchen backen, Getränke und Lebensmittel bunkern, Weihnachtssterne basteln, Baum kaufen und schmücken und und und – mindestens hundert kleine und große Pflichten sind zu erfüllen, bis das Christkind am 24. Dezember dreimal klingelt.

Endlich ist Heiligabend! Speis und Trank – nach vegan, vegetarisch und konservativen Kalorien sortiert – liegen in der Küche, im Kühlschrank und auf dem Bunten Teller zum Verzehr bereit. Dem Weihnachtsbaum, der bereits im September bei spätsommerlichem Badewetter geschlagen wurde, rieseln bei jedem noch so kleinen Luftzug sachte die Nadeln von den Ästen. Die Weihnachtsgeschenke türmen sich haushoch rund um den Baum und Purzel, der rheumatische Vierbeiner, schleicht wie Falschgeld um die Pakete und bringt sie gefährlich zum Wackeln.

Der Tisch ist festlich gedeckt, das Silber genau wie die Gläser poliert, die mit goldenen Weihnachtsengeln bestickte Tischdecke gestärkt, gebügelt und bildet das Fundament für das gute Geschirr, das nur per Hand gespült werden darf.

Der Hausherr – Generation Sechzigplus – hat extra den alten Plattenspieler und die Schallplatten vom Boden geholt und somit ist auch ein wenig Weihnachten aus dem letzten Jahrhundert zu Gast in der Heutzeit. Die Langspielplatte von Freddy Quinn Weihnachten auf hoher See ist genauso beliebt wie Heintjes Weihnachts-Wunsch-Konzert, Peter Alexanders Träumereien unterm Weihnachtsbaum und die Wiener Sängerknaben mit den Schönsten Liedern zum Fest. Und zu vorgerückter Stunde und nach dem dritten und vierten Schnäpschen findet Swinging Christmas mit James Last bei den Gästen großen Anklang – jedenfalls war das früher so der Fall!

Doch bis der Hochprozentige auf den Tisch kommt dauert es noch!

Die Dame des Hauses ist hohl wie eine Bassgeige, völlig fertig und total derangiert vom wochenlangen Weihnachtsstress. Ein vierstündiger Mittagsschlaf wär jetzt das Größte, doch mühsam krückt sie sich auf, legt Lippenstift und Geschmeide an, schiebt die gefüllte Gans in den Ofen und dann geht’s ab zum Gottesdienst. Da kann sie endlich mal in Ruhe sitzen und prompt nickt sie ein und wird bald darauf von lauten Orgeltönen und Kinderchor unsanft geweckt.

Stille Nacht, heilige Nacht – so ein Schmarrn – jetzt geht’s erst richtig rund! Schürze um und ab in die Küche, Gans, Kartoffeln, Soße und Rotkohl und das Dessert brauchen Zuwendung.

Noch amüsiert sich die hungrige Meute bestens im Wohnzimmer, wo sich Berge von Papier, Kartons und anderem Verpackungsmaterial stapeln. Das bunte weihnachtliche Treiben ähnelt dem bei der Familie Hoppenstedt – Sie wissen schon: Loriot –ARD – Weihnachten!?!

Die Kinder quaken und quengeln durcheinander, streiten sich um die Geschenke, Purzel jault und rennt unruhig hin und her, er will Gassi gehen. Der Hausherr köpft die zweite Flasche Merlot, schenkt sich und den Gästen nach und mit oh du fröhliche, oh du selige untermalt der Kinderchor musikalisch die Stimmung.

Die knusprige Gans und die Beilagen sind fertig, die Dame des Hauses ebenso und das große (Fr)Essen kann beginnen.

Könnte beginnen, wenn die zwei Kleinen nicht Bauchweh hätten, Tochter und Schwiegersohn ihren Streit begraben würden, der Hausherr nicht mit der dritten Pulle Wein beim Entkorken kleckerte und Purzel nicht an den Baum pinkelte.

Dann klingelt der Nachbar mit ner Flasche Sekt unterm Arm an der Tür: Sagt mal, kann ich auf ein Gläschen zu euch kommen, bei uns ist dicke Luft!

Der Heiligabend endet feuchtfröhlich und zu den swingenden Rhythmen von James Last wird kräftig das Tanzbein geschwungen und das ursprüngliche Vorhaben, die Christvesper zu besuchen, ist aufs nächste Jahr verschoben.

18.11.2015