Die Putzfrau klingelt um halb Drei

Wir heiraten. Wir bereiten nichts vor. Wir sagen es vorher niemandem. Wir treffen keinerlei Hochzeitsvorbereitungen, suchen uns keine Trauzeugen, werden keine Ringe anschaffen, auch keine Blumen werden die Braut schmücken. Wir gehen am 22. Januar einfach nur zum Standesamt, sagen laut und deutlich JA und flitzen dann mal kurz zu Mama, um ihr das Neueste zu berichten. Hinterher noch rasch zu Aldi und Scampi und Baguette fürs Abendessen einkaufen. Dann hurtig nach Hause, denn um 14:30 Uhr klingelt unsere Perle. Auf Marias Dienste wollen wir nicht verzichten, auch nicht an einem so bedeutungsvollen Tag. Von 17 bis 20 Uhr hat der mir nun Angetraute einen wichtigen beruflichen Termin. Danach essen wir lecker am heimischen Tisch. Wir feiern also kein rauschendes Fest, weder heute noch in den nächsten Tagen.

Ungewöhnlich? Keine Ahnung. Zumindest ist dieser Tagesablauf nicht allgemein üblich, wenn man sich das Ja-Wort gibt. Bei uns schon. Schließlich sind wir auch ein klein wenig ungewöhnlich.

Am 22. Januar 2013 war es lausig kalt, der Schnee machte sich überall breit und der Himmel leuchtete in freundlichem steingrau und es sah nach Neuschnee aus. Also nix mit Tangoschuhen an den Füßen, eher Tendenz zum Wollschal, Handschuhen und dickem Wintermantel. Auch unser Auto trug einen Eskimolook und es musste kräftig an ihm herumgekratzt werden, bevor es startklar war.

Die Parkgarage unterm Standesamt war ziemlich voll, dafür der Warteraum vorm Trauzimmer total leer. Wer schließt auch am Dienstagvormittag um 11:30 Uhr schon den Bund fürs Leben, ohne Trauzeugen, ohne Gäste, ohne Fotograf, ohne Ringe und ohne Blumen – eben ohne alles? Wir tun das!

Apropos Fotoapparat – der liegt noch im Auto – habe ich liegengelassen. Der Bräutigam flitzt also noch mal los, um ihn zu holen. Kaum waren beide zurück, bat uns die Standesbeamtin nach einer kurzen Begrüßung ins feierlich geschmückte Trauzimmer. Wir nahmen Platz und kamen ins Plaudern, redeten über dies und das, sie erzählte von sich, wir von uns und es war eine sehr schöne persönliche und private Atomsphäre, die uns gefiel. Wir erfuhren von ihr, dass auch sie dem Jahrgang 1950 angehört und vor fünf Jahren zum zweiten Mal geheiratet hat. Eine wunderschöne Geschichte, die sie uns vorlas, rührte uns und mir trieb sie die Tränen in die Augen. Ziemlich blöd, wenn die Wimperntusche nicht wasserfest ist. Beim Unterschreiben des amtlichen Dokumentes fotografierte sie uns und dann durfte der Bräutigam die Braut küssen. Es waren fünfundvierzig Minuten besinnlicher Feierlichkeit für uns ganz allein und mit riesengroßer Bedeutung für uns.

Als rechtmäßig verbundene Eheleute betraten wir den Fahrstuhl zur Tiefgarage, stiegen ins Auto und fuhren zur Mama. „Was seid ihr chic angezogen“ sagte sie sogleich beim Öffnen der Wohnungstür. „Ja Mutti“, sprach der Frischvermählte, „wir wollen dir erzählen, dass wir gerade geheiratet haben! Doch nun muss ich erstmal aufs Klo….“ verkündete er und entschwand für längere Zeit. Mama und ich saßen uns am Tisch gegenüber und schwiegen uns für Sekunden an, mir kam es wie eine halbe Stunde vor. Irgendwann versicherte ich meiner Schwiegermutter, dass ich ihren Sprössling nicht zur Heirat gezwungen oder überredet habe. Sie grinste und nickte. Dann wollte sie wissen, ob der Ring am rechten Ringfinger ein Geschenk von ihm an mich sei. Das konnte ich glatt verneinen. Zum Glück war dann irgendwann die Sitzung meines Mannes in der Keramikabteilung beendet und er setzte sich zu uns und versuchte sich im Smalltalk, was ihm aber nicht wirklich gut gelang.

Der Blick zur Uhr verriet, dass wir uns auf die Socken machen mussten, denn der geplante Einkauf bei Aldi stand noch aus. Aldi am Hochzeitstag – das gönnt sich vermutlich nicht jedes Brautpaar. Unser Stamm-Aldi-Laden überraschte uns mit fast leeren Regalen. Dort wurden gerade die Vorbereitungen zu einem Umbau der Regale und Kühltruhen getroffen. Diese Erneuerung war in vollem Gange und sollte morgen ihren Höhepunkt finden. Glücklicherweise bekamen wir aber noch all das, was wir brauchten, aber kein bisschen mehr, also keine zusätzlichen Schnurzpfeiferein. Somit war es ein absolut kostengünstiger Einkauf, eben auch anders als sonst üblich.

Endlich waren wir wieder zuhause und als Maria kam baten wir auch unsere Nachbarin auf ein Glas Schampus zu uns. Beide waren sehr verblüfft, freuten sich aber und stießen mit uns gemeinsam auf unser Wohl an. Nach diesem kleinen Intermezzo widmete sich unsere Perle dem Hausstaub und Frau Nachbarin hatte einen dringenden Termin auf dem Zettel und entschwand.  Also Zeit für uns, der Familie und einigen Freunden die Neuigkeit des heutigen Tages per E-Mail oder telefonisch zu übermitteln. Am anderen Ende der Telefonstrippe machte sich schon mal die eine oder andere Schockstarre kurzfristig breit, ging dann aber in Freude über. Meine Berliner Freundin antworte auf meine E-Mail prompt, und zwar so: „Und wieso verschwendest du deinen Hochzeitstag damit, mir zu mailen… ich hoffe, ihr seid inzwischen zu passenderen Tätigkeiten übergegangen….“.

Jawoll konnte ich da nur sagen! Denn mein früherer Lebensgefährte saß am Schreibtisch, klimperte eifrig auf dem Laptop und druckte schon mal Briefe mit der Namensänderung an meine Bank, meine Krankenkasse und an die Rentenversicherung. Nachdem ich unterschrieben hatte – übrigens fehlerfrei mit neuem Namen – wurden Kopien der Standesamturkunde hinzugefügt, eingetütet und Briefmarken draufgeklebt.

Zur Post sind wir übrigens wegen des Schampus nicht mehr gefahren und außerdem reichte die Zeit nicht mehr aus. Denn ab 17 Uhr widmete sich mein Ehemann schließlich dem Computer und seinem Onlineseminar. Ich verzog mich in die Küche, schnibbelte Gurken, Tomaten, Salat, Zwiebeln und Knoblauch, zauberte ein pikantes Dressing und putzte die Schalentiere zum Einzug in den Backofen heraus. Als dann die Tagesschau das Neueste aus aller Welt berichtete, schnabulierten wir die Scampi al forno mit Salat und knusprigem Brot und dazu rann uns ein guter Tropfen durch die Kehle. Der Tag war zu Ende, es war kein Tag wie jeder andere, er war für uns inhaltsschwer und was ganz Besonderes – es war unser Tag, gleichzeitig der 96. Geburtstag meiner verstorbenen Mutter und unser Hochzeitstag.

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