So lernte ich Karin W. kennen

Ein ungemütlicher Novembertag im Jahr 1995: grau in grau mit Fieselregen. Mein Weg führte mich zur Glaserei H. und unterm Arm hatte ich wasserdicht verpackt sechs Bilder, die ich aus meinem Zypernurlaub mitbrachte.
Auf Leinwand gemalte Nordsee- und Blumenmotive, spottbillig gekauft, ohne
Rahmen sind sie, doch das sollte sich jetzt ändern.

Bei diesem Wetter schaute ich mir gar nicht erst die ansprechenden Auslagen in den zwei großen Schaufenstern an, sondern betrat unmittelbar den Laden. Die Dame hinterm Ladentisch grüßte freundlich und bat mich um etwas Geduld. Sie ist attraktiv, absolut richtig proportioniert, in etwa so groß wie ich, die rötlich-dunklen Haare trägt sie kurz geschnitten und sie dürfte ungefähr mein Alter haben.

Sie redete mit einem älteren Herrn, machte sich dabei Notizen auf ihrem Zettel, rechnete Maße und Preise aus. Der Mann schien mit allem einverstanden und sie einigten sich beide darauf, dass er in zwei Tagen das Bestellte abholen kann. „Aber erst nachmittags“ sagte sie auf dem Weg zur Tür, hielt sie ihm auf, wünschte ihm einen guten Abend und er verschwand im nasskalten Novembernachmittag.

„Igitt, das ist vielleicht ein ekliges Wetter, da jagt man keinen Hund raus,“ sagte sie „was kann ich für Sie tun? Muss was Wichtiges sein, wenn Sie an solch einem unfreundlichen Tag das Haus verlassen.“

Ich packte meine Bilder aus, legte die drei Blumen- und die drei Meeresmotive auf den langen Ladentisch. „Für diese Bilder möchte ich Rahmen haben.“

„Ach, die sind aber hübsch; haben Sie die selbst gemalt?“ Ich verneinte und erzählte, dass ich sie aus dem Urlaub mitgebracht habe.

„Haben Sie denn schon eine Vorstellung, wie die Rahmen aussehen sollen?“

Na selbstverständlich habe ich die und wie aus der Pistole geschossen gab ich die nun auch preis. „Ich möchte alle Bilder ins Wohnzimmer hängen und daher will ich die Rahmen identisch mit den Möbeln haben und die sind Eiche rustikal, die Gardinenstangen ebenso, die Couchgarnitur ist aus braunem Leder und die Wände sind weiß.“

„Hört sich sehr gemütlich an, wie Sie eingerichtet sind,“ sagte sie zu mir, „doch die schönen Bilder können Sie nicht in Rahmen stecken, die auch aus Eiche rustikal sind, das passt doch überhaupt nicht!“

Wie jetzt? Ich war richtig geplättet, denn scheinbar wollte die Lady mir nicht das verkaufen, was ich mir so toll ausgedacht hatte!

Empört und verwirrt und garantiert grimmig sah ich sie an. Wo bin ich denn bloß hingeraten? Warum kann ich nicht das haben, was mir gefällt? Und vor allem: warum sieht sie mich so? Kann sie etwa meine Gedanken lesen, habe ich ein deutlich sichtbares Display auf der Stirn?

Soll ich jetzt meine Bilder einpacken und eiligst den Laden verlassen, oder was? Irgendwie fand ich die Dame aber doch sympathisch und etwas zu patzig fragte ich, wie denn ihrer Meinung nach die Bilder wohl gerahmt werden sollten.

Schmunzelnd sagte sie: „Na dann mach’ ich Ihnen mal ein paar Vorschläge!“

Sorgfältig ordnete sie die Bilder auf dem Ladentisch in zwei Dreiergruppen – dreimal Blumen, dreimal Meer. Dann drehte sie sich um und betrachtete routiniert die vielen Rahmenmodelle, die nach Material und Farben in Winkelform an der langen Wand hängen. Metall, Holz, Plastik, schmal, breit, rund und kantig, knallige Farbtöne, dezente Nuancen, alle Farben von hell bis dunkel  –  alles ist vorhanden. Eine riesige Auswahl in Form und Farbe – da soll sich einer zurechtfinden! Sie findet sich zurecht, Frau W. kann das!

Es dauerte einen Moment, ihre Augen wanderten über die große Rahmenauswahl und zielsicher suchte sie drei heraus und legte sie an die Bilder. Dann ging sie nach links und holte weitere drei Modelle, hielt sie an die anderen Bilder. Dann wählte sie noch weitere Rahmen, so dass mittlerweile jedes Bild mit zwei Musterrahmen drapiert auf dem Ladentisch lag. Die angelegten Musterrahmen harmonierten optimal mit den Farben der Bilder.

Boohh ey, sah das stark aus! Ich war sichtlich verblüfft und wusste gar nicht, was ich sagen sollte und daher hielt ich sicherheitshalber erst mal meine Klappe.

Sie schien aber mit ihrer Auswahl noch nicht wirklich zufrieden. An der großen Wand suchte sie unter all den vielen Farben nach weiteren Modellen, tauschte die Rahmen aus, mal hin, mal her, ähnlich wie ein Hütchenspieler, schnell, geübt  –  stilsicher und total professionell.

Ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr raus und als ich in ihr schelmisch lächelndes Gesicht sah, merkte ich schlagartig, mit welchen blöden Vorstellungen ich den Laden vorhin betrat. Und dann habe ich die auch noch laut und deutlich ausgeplaudert! Ach du dickes Ei, da habe ich mich aber ziemlich blamiert – wie peinlich!

Wieder schien sie meine Gedanken zu lesen und sagt nur: „So, schau’n Sie mal bitte, das sind meine Vorschläge!“

Obwohl ich von ihren Vorschlägen total begeistert war, probierten wir gemeinsam noch etliche Rahmenvarianten aus und nach weit einer Stunde waren wir beide mit der getroffenen Auswahl echt zufrieden.

Nun rechnete sie Material und Arbeitslohn aus und ich kippte fast aus den Schuhen, als ich den Gesamtpreis hörte. Aber alle Bilder sahen so toll aus, dass ich nicht umhin konnte, die Rahmen so anfertigen zu lassen.

Und gelernt hatte ich an diesem Novembernachmittag auch ganz viel!

So lernten wir uns kennen, Karin W. und ich.

Von nun an sahen wir uns ziemlich regelmäßig; irgendwas hatte ich immer zu rahmen, oder ließ einen Spiegel anfertigen, oder einen Glasschadensfall abwickeln. Immer hatte Karin W. mich bestens beraten mit viel Kompetenz und dem Anspruch, als Kundin in ihrem Geschäft willkommen zu sein.

Jedes Mal wenn wir uns begegneten, redeten wir über die täglichen Dinge des Lebens, regten uns über Leute aus Politik und Wirtschaft auf, über den Kanzler Kohl und später auch über seinen Nachfolger, über Geldverschwendung und Sozialschmarotzerei. Wir echauffierten uns über die Machenschaften der Herren Diepgen und Landowsky im Zusammenhang mit der Affäre um die Bankgesellschaft Berlin, wir ärgerten uns gemeinsam über Busfahrer, die von ihrer Geschäftsleitung zu Höflichkeitsschulungen auf  Kosten der zahlenden BVG-Kunden geschickt wurden, über die nicht vorhandene Dienstleistung in Deutschland und Berlin usw. usw. – Gesprächsstoff hatten wir beide immer.

Weltoffen und engagiert, interessiert und temperamentvoll lernte ich Frau W. im Laufe der Jahre kennen. Wenn ich am Laden vorbeiging, winkte sie mir oft zu, manchmal rief sie mich auf einen Plausch hinein. Wir tauschten uns über das Pflanzenangebot bei Kölle aus und wie wir in der kommenden Saison unsere Balkone gestalten wollen. Regen Anteil nahm sie auch an meinen beruflichen Erlebnissen und gespannt lauschte sie meinen Erzählungen vom Berliner Presseball, die in der Regel abweichend von den Zeitungsberichten waren, wie sie abschließend feststellte. Wenn sie sich mit ihren Freundinnen ein paar Tage Wellness gönnte, brachte sie mir Prospekte mit und schwärmte mir davon vor und abschließend sagte sie immer: „Da müssen Sie sich unbedingt auch mal verwöhnen lassen!“

Als ich dann anfing, selber zu fotografieren, zeigte ich ihr oftmals meine Fotos, denn ihr Urteil war mir ausgesprochen wichtig. Sie war offen und ehrlich und hielt mit ihrer Meinung nicht hinter den Berg. Oft suchten wir gemeinsam Rahmen für meine Bilder aus. Sie empfahl mir eine ganz besondere Rahmenkollektion, sozusagen von der Stange, denn Sonderanfertigungen sind auf Dauer zu teuer und nur ganz besondere Fotos sollte man individuell rahmen, so ihr Statement.

Karin W. lehrte mich die Kunst, den richtigen Rahmen für das jeweilige Foto zu finden, sie brachte mir diesbezüglich Geschmack und Treffsicherheit bei, auch den Mut zu poppigen Farben und extravaganten Modellen. Natürlich lieferte sie mir auch viele gute Tipps und Ratschläge für meine heimische Wanddekoration, die ich auch sehr gerne befolgte.

Irgendwann fehlten mir kleine Nägel, um die Bilder aufzuhängen. Schnell flitzte ich zu ihr in den Laden und sie gab mir ein Päckchen, allerdings nicht ohne schmunzelnd zu fragen, ob ich denn wenigstens einen Hammer zuhause hätte.

Und an einem späten Freitagnachmittag fehlten mir dann Rahmen; ich hatte mich leider vorher beim Einkauf verzählt. Auch das war kein Problem. Sie gab mir einen ganzen Stapel in unterschiedlichen Farben und Größen mit, wünschte mir ein kreatives Wochenende und bat darum, die nicht benötigten Exemplare gelegentlich zurück zu bringen. Zurück brachte ich ihr keine, dafür aber Geld zum Bezahlen von daheim mit.

So war sie eben: immer praktisch, kooperativ und äußerst unkompliziert.

Somit dekorierte ich dann peu à peu meine vier Wände ganz neu mit vielen gerahmten Bilden und wenn mich meine Gäste seither für meinen guten Geschmack lobten, dann gilt der Beifall eigentlich Karin W..

Gerne hätte ich ihr meine Bildergalerie auch gezeigt, doch leider ist es dafür nun zu spät. Aus heiterem Himmel bekam sie Krebs und starb daran – leider viel zu früh.

Aber vergessen werde ich Sie nicht, liebe Karin W., wenn ich die bebilderten Wände ansehe, denke ich an Sie.

August 2005

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