Mann mit den traurigen Augen

Es ist kurz vor 18 Uhr auf einem der Bahnsteige am Bahnhof Alexanderplatz. Wie so oft warte ich auf den Zug der DB, der um 18:02 Uhr kommen soll. Der Bahnsteig ist voll von wartenden und frierenden Menschen, von denen die meisten dick eingemummelt sind, denn es ist lausig kalt. Fünf Grad unter Null, beißender Ostwind und der Bahnsteig bietet kaum Schutz vor der Kälte. Die Lautsprecheransage verkündet eine zehnminütige Verspätung des Zuges. Na, wenn die schon wieder von zehn Minuten reden, werden es auch noch mehr.

Ich rauche eine Zigarette, sehe mich um und schaue die frierenden Leute genauer an. Neben mir steht ein Mann, so um die Fünfzig, zirka Einsachtzig groß, gut gekleidet, sportlich-elegant, mit Bürstenhaarschnitt und sein volles Haar ist mit winzigen Silberfäden durchzogen. Er steckt sich eine Zigarette an, was bei dem kräftigen Wind gar nicht so einfach ist. Die Flamme seines Feuerzeuges wird immer wieder ausgeblasen, doch dann klappt es und er inhaliert den Rauch in tiefen Zügen.

Drei kleine Kinder spielen viel zu nah an der Bahnsteinkante Kriegezeck, doch die Eltern kümmern sich nicht darum. Die trinken Glühwein aus Plastikbechern, lachen übertrieben laut und lassen die Kinder einfach so toben. Ein junger Mann versucht, seine Obdachlosenzeitung an den Mann und die Frau zu bringen, leider ziemlich erfolglos, kaum jemand auf dem Bahnsteig hat Interesse daran. Ein junges Mädchen bettelt bei den Herumstehenden um Zigaretten und um Geld und an der Leine führt sie einen stattlichen Dalmatiner.

Nochmals verkündet die Lautsprecherstimme die Zugverspätung. Der Mann neben mir schaut auf seine Uhr und holt sein Handy aus der Tasche, tippt darauf herum und steckt es wieder ein. Dann vergräbt er seine Hände tief in den Manteltaschen. Er hat eine Nase wie Pierre Brice – damals als er den Winnetou spielte.

Endlich, der verspätete Zug wird per Lautsprecher angekündigt! Die Leute bewegen sich drängelnd und schubsend auf die Bahnsteigkante zu als der Zug quietschend einfährt und schließlich hält. Ich schubse und drängle mit, steige ein und finde sogar einen freien Sitzplatz. Der Mann vom Bahnsteig setzt sich mir gegenüber. Ob das wohl Zufall ist? Jetzt kann ich seine Augen sehen. Sie sind braun, fast schwarz und sehen traurig aus. Sie werden von wundervoll langen Wimpern umrandet. Er hat ein ebenmäßiges Gesicht und gut rasiert ist er auch. Ob er wohl zu einem Rendezvous fährt? Ein paar Falten hat er auf der Stirn, eine ist besonders tief. Sein Handy klingelt. Er fummelt es aus der Mantelinnentasche raus. Ganz leise sagt er hallo. Er hört nur zu und schaut dabei auf seine Schuhspitzen.

Ich betrachte seine gepflegten Hände und Finger. Ob er regelmäßig zur Maniküre geht? Seine schlanken Finger sehen wie die eines Klavierspielers aus. Einen Ring trägt er nicht, aber was will das schon heißen.

Mit den Worten bis demnächst beendet er das Telefonat, klappt das Handy zu und versenkt es wieder im Mantel. Er schaut zur Decke. Seine Wimpern zaubern Schatten um die Augenpartie. Er faltet die langen schlanken Finger. Mit seinen traurigen Augen schaut er die anderen Fahrgäste an. Sein Blick verweilt bei einem jungen Mädchen, das viel zu stark geschminkt ist. Sie hat die Jacke aufgeknöpft. Der babyblaue Pulli gibt ein Stück Bauch frei. Sein Blick macht weiter die Runde. Er liest die Überschriften in der Bild-Zeitung, hinter der sich ein Mann verbirgt. Dann treffen sich unsere Blicke. Ich fühle mich ertappt und bin verlegen, kann aber meinen Blick nicht abwenden.

Der Zug bremst und hält am Bahnhof ZOO. Mein Gegenüber steht auf, tritt auf den Gang. Schade, denke ich, jetzt steigt er aus. Doch nein, er lässt nur die Frau vorbei, die neben im sitzt. Er nimmt wieder Platz. Nun hole ich doch mein Buch raus, schlage es auf und tue so, als würde ich lesen. Er versucht, den Buchtitel zu entziffern. Er beobachtet mich. Ich spüre seinen Blick auf meinem Gesicht. Warum schaut er nur so traurig? So traurig, dass ich ihn am liebsten in den Arm nähme. Was macht er wohl beruflich? Mit diesen Händen? Vielleicht ist er Arzt, Zahnarzt oder Chirurg oder Pianist. Ich beobachte ihn aus dem Augenwinkel, er schaut mich noch immer an. Der Schaffner kommt und will die Fahrausweise sehen. Ich zeige  meine Monatskarte vor, er auch seine und wieder treffen sich unsere Blicke. Ich lächele ihn an und er lächelt schüchtern zurück. Mir wird ganz heiß. Die Lautsprecheransage verweist auf den Serviceautomaten in der Mitte des Zuges. Dort dürfen Fahrgäste Snacks und Getränke kaufen.

Ich klappe wieder mein Buch auf. Warum eigentlich? Warum spreche ich ihn nicht an? Warum sehe ich ihn nicht an? Tausend Warums verwirren meinen Kopf. Der Zug schnurrt leise durch die Stadt. Volle Fahrt in Richtung Spandau, dort steige ich aus. Wie weit fährt er wohl? Ich schaue aus dem Fenster und in der Scheibe spiegelt sich sein Bild.

U-Bahnhof Ruhleben, IKEA, Bahnhof Stresow … dann Spandau. Ich stecke mein Buch ein, in dem ich keine einzige Seite gelesen habe. Ich stehe auf, schaue ihn an. Viele Leute steigen hier aus, viele wollen rein in den Zug und wieder drängeln und schubsen, wie immer. Auf dem Bahnsteig blicke ich nochmals zurück.

Ob ich ihn jemals wiedersehe? Hättest du doch was gesagt, du doofe Ziege. Aber was? Vielleicht: Warum sehen Sie so traurig aus? Wo fahren Sie hin? Tausend Fragen, keine Antwort. Ich stehe am Fahrstuhl auf dem Bahnhof, steige ein, drücke den Abwärtsknopf, die Automatiktür schließt, der Aufzug fährt runter, ich steige aus und gehe in Richtung Arkaden, weil ich dort noch was besorgen muss. Kalter Wind, eisige Kälte, Weihnachtsmusik, Bratwurst- und Glühweingeruch. Wieder Gedrängel und Geschubse am Eingang der Arkaden, auf der Rolltreppe, im Buchladen. Das bestellte Buch liegt an der Kasse, ich bezahle und gehe wieder. Meine Gedanken sind noch immer bei dem Fremden mit den traurigen Augen.

Ich habe Lust auf einen Cappuccino und auf eine Zigarette. Bei Morizz ist es sehr voll. Aber da ist noch ein kleiner Tisch mit zwei freien Stühlen. Ich setze mich. Krame meine Zigaretten aus der Tasche. Ein südländischer Kellner sagt buena sera, Senora! Ich bestelle einen Cappuccino. Plötzlich sagt eine sonore Stimme tschuldigung, ist hier noch frei? Er ist es, der Mann aus dem Zug mit den traurigen Augen! Wie kommt er hier her? Ich stottere ein JA! Er zieht seinen Mantel aus, setzt sich und er lächelt mich an. Seine Augen lächeln auch. Er bestellt Milchkaffee. Dann zündet er sich eine Zigarette an. Roth Händle ohne Filter. Wir sehen uns an. Das mit dem Reden klappt nicht, noch nicht. Wir rühren jeder in seinem Kaffee herum, rauchen, schauen uns an und genießen den Zauber der Situation. Dann fasse ich mir ein Herz. Was machen Sie hier, frage ich. War verabredet, meine Bekannte hat mich versetzt. Sie hat angerufen, aber da war ich schon auf dem Weg nach Spandau. Wir wollten zusammen essen. Im Goldenen Anker – kennen Sie das Restaurant? Ja! Pause. Lange Pause. Mein Cappuccino ist ausgetrunken. Sein Milchkaffee auch. Wollen wir noch was bestellen? Ich weiß nicht…. Vielleicht einen Rotwein? Er bestellt einfach. Mein Herz hämmert wie wild. Seine Stimme erinnert mich an Elmar Gunsch. Seine Augen, seine Wimpern, seine schönen Hände. Oma sagte immer: Hände ansehen gibt Ärger. Ob das wohl stimmt? Hoffentlich nicht!

Haben Sie Zeit? Wie meint er das, warum fragt er mich? Ja, ein wenig. Der Kellner bringt den Wein. Auf Ihr Wohl, sagt der Fremde. Wir prosten uns zu. Er gibt mir Feuer für meine Zigarette. Unsere Hände berühren sich. Ein Stromschlag durchzuckt mich. Ich greife nach meinem Weinglas und muss aufpassen, nichts zu verplempern. Er schmunzelt. Grübchen kommen zum Vorschein. Er ist wohl gar nicht nervös. Ich schon. Bald muss ich los, sage ich. Schade! Sehen wir uns wieder? Ich gebe Ihnen meine Karte. Er holt sie aus der Tasche und legt sie vor mir auf den Tisch. Er heißt … nee, das kann jetzt nicht wahr sein! Wolf heißt er! Wolf Reimers. Ich lache und trinke den letzten Schluck Rotwein. Ich stehe auf. Er hilft mir in den Mantel. Darf ich Sie zum Bus bringen? Verraten Sie mir Ihren Namen, bitte. Ich heiße Dagmar. Wir fahren auf der Rolltreppe nach unten und gehen hinaus in die Kälte. Er wartet mit mir auf meinen Bus. Bis bald, sagt er und gibt mir die Hand. Ich steige ein. Ein letzter Blick. Er winkt mir zu. Ich fahre nach Hause. Warum fahre ich jetzt schon nach Hause? Warum bin ich nicht noch ein wenig geblieben … bei ihm … bei Wolf und warum heißt er Wolf? Niemals gab es eine Antwort darauf und auch kein Telefonat, geschweige denn ein Treffen. Seine Visitenkarte landete im Papierkorb der Berliner Stadtreinigung!

Januar 2004

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