Berlin Kudamm

Da hat es doch mein Mann geschafft, mich mit nach Berlin zu locken. Eigentlich habe ich null Bock mehr auf Reisen in die Hauptstadt. Immer habe ich Ausreden, habe was zu meckern und zu maulen und da kann er mir auch noch so schöne Sachen in Aussicht stellen. Selbst die Lust, gute Bekannte und Freunde in Berlin zu treffen, beflügeln nicht meine Reiselust. Diesmal dann aber doch!

Die Frühlingssonne und Temperaturen gen zwanzig Grad waren unsere Reisebegleiter und die sonntäglich leere Autobahn ließen uns Berlin rasch erreichen. Mittags saßen wir an der Scharfen Lanke in Spandau, schauten aufs Wasser und da hat sogar mir die ansonsten so stinkige Berliner Luft und die sonst so laute Stadt gefallen! Das nächste Ziel hieß Luisenbräu am Schloss Charlottenburg und da wurden wir bereits von Freunden und kühlem Bier erwartet.

Der nächste Tag war für meinen Mann ein Arbeitstag und ich hatte eine Audienz beim Zahnarzt, der seine Praxis in der City-West hat und somit bot sich ein Kudamm-Bummel an. Die Sonne lachte und bei dem Wetter musste einfach einen Stopp zum Kaffeetrinken eingelegt werden. Einfacher gesagt als getan – es war kein freier Stuhl an besetzten Tischen im Freien zu bekommen! Alle Cafés, Restaurants, Bulettenschmieden schienen überbelegt zu sein, es herrschte ein tierisches Gewimmel weil alles ins Freie drängte. Endlich, da ist ein Platz, ein freier Stuhl, ein Stückchen Tisch für eine Tasse mit Milchkaffee! Schon sitze ich dort und sehe erst jetzt, dass es sich um ein Selbstbedienungscafé handelt. Und nun, wie komme ich zu meinem Milchkaffee? Wenn ich aufstehe, ist der Platz weg, wenn ich sitzen bleibe, bleibt der Kaffee Utopie – also was nun? Meine Einkaufstasche vom Beutezug im Klamottenladen will ich natürlich nicht auf den Stuhl stellen, während ich mich am Kaffeebüffet drängele. Dann lieber ohne Kaffee in der Sonne sitzen, und zwar mit Einkaufstasche. Schiete, sonst ist mein Mann an meiner Seite und wäre er hier, könnten wir Jobsharing in Sachen Sitzplatz und Milchkaffe holen betreiben. Einer holt Kaffee, der andere bewacht die Stühle. Doch jetzt?

Na gut, jetzt sitze ich erst einmal und schaue mir das bunte Treiben auf Berlins westlichem Prachtboulevard genauer an. Hier ist aber auch was los! Soeben ist ein BVB-Sightseeing-Bus angekommen und spuckt jede Menge Touristen nach erfolgter Besichtigungstour aus. Spanier sind dabei und ich höre, dass sie Appetit auf Cafe Cortado und Cafe con leche haben und einkehren wollen. Die sind mit einem Kaffee to go zufrieden und schnell wieder weg und an meinem Tisch werden gerade zwei Plätze frei und sind schwuppdiwupp von Mutter und Tochter älteren Semesters und echte Berlinerinnen – wie ich höre – sofort belegt. Die Chance nutze ich und bitte die beiden, meinen Stuhl erstmal mit ihrem Klimbim zu belegen und ich hole mir mal nen schönen großen Kaffee und statte bei der Gelegenheit gleich mal der Keramikabteilung einen Besuch ab.

Das hat alles toll geklappt, Sitzplatz noch immer frei, Kaffee steht vor mir, Sonne lacht vom Himmel – was geht’s mir jetzt gut.

Leute beobachten – Eindrücke sammeln – über dies und das sinnieren

….das gehört dazu, wenn man am Kurfürstendamm sitzt, an einem zentralen Ort wie dem Café Kranzler. Bushaltestelle, große belebte Kreuzung, U-Bahn-Aus- und Eingang, gegenüber C+A und Karstadt, ein Taxistand – hier kann man den Pulsschlag Berlins sehen, fühlen, riechen, mit allen Sinnen erleben. Zwar ist vom einstigen, alten West-Berlin auch hier nicht mehr allzu viel zu sehen und zu spüren, aber auch das neue Kranzler-Eck erinnert noch ein wenig an früher.

Hier war’s immer wuselig, hier atmete man immer Abgase ein und bekam eigentlich viel zu viel Phon auf die Ohren. Schon früher saß ich ab und an mal hier, da war ich Teil Berlins, ich lebte hier in meiner Heimatstadt. Heute bin ich Berlinbesucher – Tourist mit Ortskenntnis, oder wie nennt man das sonst? Nicht mal mehr einen Koffer habe ich in Berlin und Heimweh nach dem Kurfürstendamm kann ich bei mir auch nicht feststellen. Ich bin eben anders als Hilde Knef und andere Sänger, Dichter, Denker und sonstige Berlingeborene, die ihre Heimatstadt mit Liedern, Gedichten, Geschichten und anderen tränenreichen Heimwehtiraden und herzzerreißenden Sentimentalitäten beglückten.

Ob mir wohl das Heimat-Gen fehlt? Oder warum habe ich kein Heimweh nach Spree und Funkturm, nach Spandau und Havel, nach all dem, was meine ersten sechs Lebensjahrzehnte ausmachte? Vielleicht hatte ich zuviel Berlin in der Vergangenheit. Ich kann ja gelegentlich mal intensiv darüber nachdenken – jetzt aber nicht!

Vier von Amnesty International
Vor mir auf dem Bürgersteig sind vier junge Leute – drei Frauen und ein Mann – von Amnesty International damit beschäftigt, aktive Kundenwerbung zu betreiben. Alle vier tragen knallgelbe Jacken mit dem aufgedruckten Emblem der Hilfsorganisation. Am Straßenrand neben einem Telefonverteilerkasten steht ein kleines Tischchen, auf dem sie ihre Werbebroschüren, Blankoverträge, Kugelschreiber u. a. aufgebaut haben. Unterm Tisch steht ein Korb mit einer Kaffeekanne und anderen Utensilien, die ich aus der Ferne nicht erkennen kann. Die drei jungen Frauen sind übertrieben aufgesetzt lustig, man könnte fast meinen, sie hätten was eingenommen, geraucht oder so. Sie springen förmlich auf Passanten zu und versuchen, ihnen erst ein Gespräch aufzudrängen, um dann zum Vertragsabschluss zu kommen. Meistens wehren die Leute den „Angriff“ ab und gehen wortlos weiter. Die, die das nicht tun, werden total voll- und zugequatscht und der eine oder andere Angesprochene lässt sich einlullen und unterschreibt dann auch eine Mitgliedschaft beim Amnesty. Der junge Mann beobachtet die drei Frauen intensiv und er scheint der Oberguru der kleinen Gruppe zu sein. Von Zeit zu Zeit greift er sich eine der drei jungen Frauen, zerrt sie beiseite und ich beobachte, dass er sie scheinbar ernsthaft ermahnt – wozu auch immer. Nach einem solchen Gespräch ist die Fröhlichkeit der jeweiligen Lady noch intensiver und noch unglaubhafter und die Aktivität beim Kundenfang noch größer. Irgendwie hat das was von Drückerkolonne, Nepper, Schlepper und Bauernfängerei. Wenn das im Sinne von Amnesty International ist –  na denn prost Mahlzeit!

Edelklamotten und Klunkern
Um mich herum im Open-air-Café sitzen fast nur ausländische Mitbürger – meistens Männer – an den Tischen, trinken Kaffee oder Tee und fast alle reden laut in ihr Smartphone, teils mit und teils ohne Haedset. Diese Männer sind jung, sehr gepflegt, elegant gekleidet und mit Schmuck behangen wie Weihnachtsbäume zum Jahresende. Was sie reden verstehe ich nicht, es herrscht babylonisches Sprachgewirr. Manche dieser äußerlich noblen und ansprechenden Gestalten sind in Begleitung sehr attraktiver, aparter, blutjunger Frauen, die auffälligen Schmuck und edle Designerklamotten tragen und chic von Kopf bis Fuß sind. Keine der Damen ist verschleiert, keine steckt man auch nur ansatzweise in eine muslimische Richtung, wie sie ein paar Kilometer weiter in Kreuzberg, Schöneberg, Neukölln und anderswo in dieser Stadt offensichtlich und traditionell gelebt wird. Allesamt sind sowohl die Herren der Schöpfung mit ihren blauschwarzen Haaren und den feurigen Augen als auch die total aparten Mädels eine wirkliche Augenweide. Und wenn ich dann auf die anderen Leute im Kaffee und auf die vorbeiziehenden Passantenströme schaue, dann frage ich mich, warum die, die da nicht nur so treudeutsch aussehen und auch biodeutsch sind, so schlunzig rumlaufen.

Tatütata vor C+A
Nun sitze ich schon über eine Stunde im Kranzler, beobachte das Ringsherum, denke über dieses und jenes nach und habe eine leere Kaffeetasse vor mir zu stehen. Meine beiden Tischnachbarinnen sitzen auch immer noch da und reden über Familie, Kinder, Männer und Krankheiten. Die ältere Dame soll zum Arzt, sie hat was, was „abgeklärt“ werden muss, macht sich Sorgen um Mann, Hund und das Haus in Tegel. Die Tochter will ihr zur Seite stehen, hat aber auch genug um die Ohren und ihr Päckchen zu tragen.

Ein kräftiges Knallen und Krachen lenkt mich von weiteren „Lauschangriffen“ bei meinen Nachbarinnen ab. An der Ecke Kurfürstendamm/Joachimstaler Straße bei C&A hat es geknallt. Ein Großraumtaxi, eine Stretchlimousine und ein BVG-Bus haben sich geknutscht. Sofort staut sich der gesamte Verkehr an allen vier Stellen der Kreuzung und wird von lautem Hupen begleitet. Verletzt ist niemand, aber es dauert recht lange, bis ein Polizeiwagen mit schrillem Tatütata angefahren kommt und sich zur Unfallstelle durchquält.

Gitanos oder doch Zigeuner?
Und was ich die ganze Zeit über schon beobachte, sind die vielen Bettlerinnen mit Kindern. Für mich ein Déjà-vu-Erlebnis aus längst vergangenen Zeiten, dass ich in Valencia hatte! Damals nannte man sie noch Gitanos, also Zigeuner. Das darf man heutzutage nicht mehr sagen, glaube ich. Aber was sagt man dann zu diesen Frauen mit ihren Kindern? Bettelnde Sintis oder Romas? Bettlerinnen aus Rumänien, Bulgarien und anderen Ländern? Also, wie es richtig heißt, entzieht sich meiner Kenntnis, doch es wird gebettelt, was das Zeug hält. Mit und ohne Kinder, mal sind es Babys, die auf dem Arm der Mütter getragen werden, andere Kinder laufen schon selbst und ihre Mütter halten sie an der Hand. Alle Frauen und Kinder sind erbärmlich gekleidet und dagegen ist die Kleiderkammer vom Roten Kreuz eine Haute-Couture-Adresse. Wie aufdringlich die Frauen sind und wie niedlich ihre Blagen, die sich in Grüppchen durchs Gewimmel schieben! Mit schwarzen Kulleraugen und kleinen, total verschmutzten Händchen gehen sie zu den Kaffeehausgästen an die Tische und betteln um Geld. Doch die Gäste sind geizig, rücken nur selten ein paar Münzen raus. Eher schieben sie die Kinder fort, weg vom Tisch, weit weg von Taschen, Geldbörsen, Tüten und anderem Zeug. Die Chance aufs Stibitzen ist sehr gering für den Zigeunernachwuchs, denn kaum ein Gast lässt sich auf Ablenkmanöver durch die niedlichen Kleinen ein und durch die Mütter schon gar nicht. Erstaunt bin ich darüber, dass auch die vornehmen Gentlemen südländischer Herkunft in ihren feinen Zwirnen sich nicht von den Kids betören lassen. Eigentlich sagt man denen doch nach, dass sie Kindern nicht widerstehen können – hier ist das alles andere als zutreffend.

Mein Fazit: Hätte ich nur jeder bettelnden Hand einen Euro gegeben, dann hätte ich arge Probleme bekommen, meine Prophylaxerechnung nachher beim Zahnarzt in bar bezahlen zu können!

Ein paar Stunden im Sonnenschein, auf Berlins westlicher Prachtmeile, an einer quirligen Kreuzung, mit dem Air und Flair einer brodelnden Weltstadt, dem Gewirr von Sprachen und Nationalitäten, schlimmer Armut und protzigem Reichtum, in meiner Heimatstadt waren kurzweilig und ich habe sie intensiv genossen.

Und das vermutlich auch nur, weil ich mit Sicherheit weiß, wie schön es wieder zuhause ist. Da ist es still. Da zwitschern hörbar die Vögel. Autoabgase sind kein Thema. Wenn man hier in der Sonne sitzt, dann gibt’s nur natürliche Abwechslung und keine so laute und vielfältige wie vorm Kranzler am Kurfürstendamm in Berlin.

12.06.2014