Noch mehr Familie

Ausgesprochen spannend ist es, wenn man bereits betagt in die heiligen Hallen einer bestehenden Familie als Newcomer geladen wird. Wenn man selbst knapp sechs Jahrzehnte auf dem Buckel und ein gelebtes Leben hinter sich hat, ist der Antrittsbesuch bei den Eltern des neuen Partners nicht ohne einen gewissen Reiz.

Im zarten Alter von zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren macht man das locker und mit links – meine ich mich noch zu erinnern. Ich war verliebt bis über beide Ohren und mir war es so was von piepegal was die Eltern meines Auserwählten von mir hielten. Die damaligen zukünftigen Schwiegereltern waren der Vater und seine Lebensgefährtin und der ältere Herr war schnell überzeugt, in mir die Richtige für seinen Sohn zu sehen. Jedenfalls ist dieses Meeting seinerzeit absolut unspektakulär verlaufen und weitere Auftritte dieser Kategorie hatte ich bisher nicht.

Bisher nicht – aber jetzt – mit fast sechzig Jahren! Natürlich weiß ich, dass mich nur noch Frau Mutter in Augenschein nehmen kann, denn Vater Willi ruht seit etlichen Jahren auf einem kleinen aber sehr gepflegten Friedhof unter einem stets und ständig blank polierten rotbraunen Schieferstein. Zwischenzeitlich ist mir bekannt, dass dieser Stein – mit goldener Inschrift und kleinem Vögelchen aus Stein drauf – regelmäßig mit Spüli-Wasser gereinigt und mit weichem Tuch trocken geputzt wird. Soviel zu diesem Outfit, doch welches passt zum Antrittsbesuch und vor allem zu mir? Schwarze Hose, beigefarbene Bluse und eine wärmende Regenjacke ist genau das Richtige für diesen grauen Frühlingstag.

Während mein Freund noch einen Geschäftstermin wahrnimmt, mache ich Sightseeing in der mir bislang fremden Stadt mit dem Erfolg, dass ich weitab von irgendwelchen Geschäften und Unterstellmöglichkeiten bin, als plötzlich ein Regenschauer auf mich niederprasselt. „Wie siehst du denn aus“, sagt mein Liebster grinsend, als ich ein Weilchen später am verabredeten Treffpunkt zu ihm ins Auto steige. Im Rückspiegel sah ich dann auch das Dilemma, das der Regen mit meinen Haaren angerichtet hat. Feucht und strubbelig und in gut dreißig Minuten beginnt das Vorstellungsgespräch – na toll! Das voll aufgedrehte Gebläse des Autos diente mir als Föhn und meine Finger waren die Bürste. An jeder roten Ampel und auch sonst beim Fahren schauten andere Verkehrsteilnehmer mitleidig zu mir und es war ihnen anzusehen, dass sie mich und mein Verhalten eigenartig finden. Da ist aber was drauf gepfiffen, ich muss einigermaßen vernünftig aussehen, schließlich geht es hier um den ersten Eindruck. Und von dem weiß jeder, dass er der Wichtigste ist!

Die TV-Werbung vermittelt uns, dass die Frisur auch nach zwölf Stunden Aufenthalt bei Wind, Regen, Sonne und anderen Einflüssen in anderen Klimazonen immer noch wie frisch gestylt sitzt, doch meine Frisur ist weit entfernt davon. Zwar sind meine Haare nicht mehr nass, aber dafür haben meine Naturlocken deutlich gewonnen. Jetzt ist aber kein Frisör in Sicht und die Zeit reicht auch nur noch für ein bisschen Lippenstift und dann wird uns nach dem Klingeln auch schon geöffnet.

„Hallo Mutti! Mutti, darf ich dir Dagmar vorstellen, also das ist Dagmar, äääh Frau G. Und Dagmar, das ist meine Mutter…..!“ „Guten Tag, dann kommt mal rein!“

Sowohl das Kaffeetrinken als auch das damit verbundene Beschnuppern war unspektakulär und nach gut zwei Stunden hatten mein Liebster und ich wieder Zeit für uns beide.

Aber es ist schon cool, in diesem Alter nochmals einen Antrittsbesuch bei den Eltern des Wunschpartners zu machen.

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