Rotkäppchen und der böse Wolf

Sag ich doch, schon im Märchen war der graubraune Geselle kein Kuscheltier! Da hatte er schon genau das, was man ganz einfach einen schlechten Ruf nennt.

Immerhin war er es, der das Rotkäppchen im Wald getroffen und überredet hat, für Oma ein paar Blümchen zu pflücken. Dann ist er zu Omas Hütte gedüst, hat sie aufgefressen, sich ihr Nachthemd angezogen und sich in ihr Bett gelegt. Als das Rotkäppchen mit Fresskorb und Blumenstrauß Omas Hütte betrat, staunte es ziemlich, dass die Großmutter so anders aussah. Viel Zeit zum Wundern blieb Rotkäppchen allerdings nicht, denn Wölfchen hatte noch Bock auf eine Nachspeise. So oder so ähnlich haben die Brüder Grimm viele Generationen von Kindern das Fürchten gelehrt.

Aber schon zu Graf Draculas Zeiten war sein Image im Eimer. Da war vom blutrünstigen Werwolf die Rede, der mit dem Vampir in einträchtiger Symbiose blutrünstige Streifzüge durch die Lande unternahm. Schon damals hat Dr. van Helsing versucht, dem Grafen und seinem vierbeinigen Kumpel in Transsilvanien, wo die beiden ihr Unwesen trieben, den Garaus zu machen.

Alles nur Märchen und Legende, Gruselgeschichten und Phantastereien? Nee, mittlerweile gibt’s Wölfe nicht nur in Zoos sondern in echt. Sie leben nicht nur in dunklen Wäldern sind menschenscheu und haben Bammel vor der Zivilisation. Sie leben ganz in unserer Nähe! Zunächst wurden sie in Brandenburg gesichtet, dann in Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Hungrig sind die wilden Biester und im Vermehren absolut fleißig und es streifen an die 150 Rudel durch die Lande, reißen Schafe, Ziegen und anderes Viehzeug.

So manch ein Hundebesitzer musste seinen vierbeinigen Liebling schon in Sicherheit bringen, weil ihnen beim Gassigehen in Feld, Wald und Flur der böse Wolf begegnete und diese Erlebnisberichte sollen keine Märchen sein.

Da der Wolf aber unter Artenschutz steht – so hat es die EU vor über zwei Jahrzehnten beschlossen – darf man ihm auch nichts Böses tun und kein Haar krümmen. Das finden Jäger, Bauern und Schäfer überhaupt nicht ulkig. Die würden dem einen oder anderen Wolf, der beim Wildern erwischt wird, gerne einen auf den Pelz brennen. Doch genau das ist gesetzlich verboten und das Morden der hungrigen Gesellen geht ungebremst weiter. Geschädigten Bauern wird für nachweislich vom Wolf gerissene Tiere Ersatz gezahlt oder sie dürfen sich auf Staatskosten Elektrozäune anschaffen.

Aber wie immer hat auch die EU eine tolle Lösung für dieses Problem parat: Seit längerem existiert eine Internetplattform, auf der sich Freund und Feind von Meister Isegrim austauschen können. Dort wird mit viel Für und Wider nach brauchbaren Lösungen gesucht, um mit diesen Raubtieren in Eintracht und Frieden zusammenzuleben.

Bis diese friedvolle Einigung gefunden ist, wird es vermutlich noch ein Weilchen dauern und bis dahin können wir schon mal darüber nachdenken, was eigentlich passiert, wenn aufgrund des Klimawandels Löwen aus Afrika und Tiger aus Indien ihre sieben Sachen packen und nach Europa auswandern. Würden wir dann mit diesen hungrigen Mäulern über vegetarische oder vegane Ernährung diskutieren? Falls das dann geplant ist, sollten wir uns schon heute Gedanken darüber machen, dass die dann vielleicht die Gerste wegputzen könnten und die Bierherstellung in Gefahr gerät.

Möglicherweise treffen wir dann beim Spargelstechen ein paar Löwen als Erntehelfer an und beim Erdbeerpflücken leisten uns Tiger tierische Hilfe. Im Alten Land verdingen sich vierbeinigen Neuzugänge aus anderen Erdteilen zum Beispiel bei der Apfelernte. So ganz nach dem Motto: die guten ins Töpfchen und die schlechten ins Kröpfchen! Doch das ist ein anderes Märchen, nämlich das vom Aschenputtel – aber auch von den Brüdern Grimm.