Unser Freund Tigi

Der große weiße unsichtbare Hase heißt Harvey und begleitete schon James Steward, Heinz Rühmann und viele andere ihrer Berufskollegen durch die berühmte Film- und Theaterrolle. Je älter man wird umso eher fällt es einem auf, dass man selbst einen so genannten Harvey an seiner Seite hat. Will sagen, man nuschelt schon mal was vor sich hin, obwohl man sicher sein kann, alleine im Raum zu sein. Und wenn man dann noch eine Antwort auf sein eigenes Genuschel erhält, dann ist es so weit.

Mein Harvey heißt Tigi und ich lernte ihn vor ungefähr drei Jahren kennen. Tigi ist gebürtig in Sumatra, sagt er, verließ dort in jungen Jahren Familie, Dschungel und Heimat. Da er kein weißer Vertreter seiner Zunft ist, erschien ihm eine Karriere an der Seite von Siegfried und Roy in Las Vegas als ziemlich aussichtslos und somit siedelte er sich bei uns in Spandau-Haselhorst an. Weshalb das gerade seine Alternative wurde, wird mir immer schleierhaft  bleiben. Ein ausgewachsener Tiger von gut zwei Meter in einer Etagenwohnung eines Mehrfamilienhauses in der fünften Etage, wo sowieso schon zwei Menschen wohnen.

Damals, vor circa drei Jahren, stand ich gerade auf dem Balkon und sinnierte laut über die saisonale  Bepflanzung der Balkonkästen. Verbenen in blau und weiß, Geranien in rot und weiß, Lobelien weiß und blau, stehend und hängend, diverse Kräuter und natürlich schön rankender Weihrauch. „Salatpflanzen, Radieschen, Gurken, Bohnen, Erdbeeren und Tomaten wären eher mein Ding“ hörte ich eine Stimme sagen. Wer redet da? W. kann es nicht sein, der ist in Hamburg und kommt morgen erst wieder. Vielleicht hat die Nachbarin Männerbesuch? Oder bilde ich mir die Stimme nur ein? Doch da spricht sie plötzlich weiter: „Also ich bin dafür, dass wir hier in der fünften Etage eine Art Dschungel anlegen, denn schließlich will ich mich hier wohl fühlen, pflegeleicht soll es auch sein und ich will schließlich nicht andauernd Gießwasser schleppen – bin nämlich wasserscheu!“ Wer macht denn so blöde Sprüche? So langsam wird’s mir unheimlich, was ist hier los? Rasch verlasse ich den Balkon, riegel die Balkontür hinter mir zu und setze mich in den Stressless-Sessel, atmete tief durch und versuche, mich einzukriegen. Als ich so darüber nachdenke, ob zu wenig Schlaf oder zu viel Stress zu diesen Auswirkungen führt, sehe ich plötzlich einen Tiger deutlich vor mir. Ausgewachsen und ganz schön groß, der auf der Couch rumlümmelt. „Hi, mein Name ist Tigi und ich wohne seit einiger Zeit bei euch. Brauchst keine Angst zu haben, bin kein Menschenfresser, bin eher vegetarisch veranlagt, trinke keinen Alkohol, stehe auf Früchtetee, verreise nur sehr ungern und in der Regel trage ich meine Tarnkappe.“

So kamen wir ins Gespräch, Tigi und ich. Er macht einen recht netten Eindruck auf mich, vielleicht ein bisschen verwöhnt mit nem Touch zum Einzelkind, dafür aber stubenrein, jedoch völlig mittellos. Normalerweise frisst ein Tiger bis zu acht Kilo Fleisch pro Tag, sagt mein neuer Freund. Was futtert dann aber die vegetarische Variante dieser Gattung erst und wer schleppt das Zeug ran, wer bezahlt das alles und wo geht der dann aufs Klo? „Mach dir mal keinen Kopf, das kriegen wir schon alles hin“ sagt der neue Mitbewohner und räkelt sich genüsslich auf dem Sofa. „W. ist doch ziemlich kräftig und kann ordentlich zupacken und schließlich gibt’s ja nen Aufzug im Haus und in eurem Auto kann man auch so einiges problemlos transportieren! Aber jetzt mach mal einen Tee für uns und für mich noch ein paar Erdbeeren mit Schlagsahne und danach mach ich Mittagsschlaf!“

Seither ist er immer da, gibt zu den meisten Dingen seinen Senf, legt sich sehr gerne mit W. an, ist von Spandau mit nach Lesum gezogen und mischt sich einfach in alles ein.

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