Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom …?

„Das haben doch Kinder im Grundschulalter bis hin zur Pubertät – oder!“

„Nee Elfi, da irrst du dich gewaltig. Auch ich leide darunter – nicht immer, aber immer öfter, zumindest manchmal, wenn sich niemand um mich kümmert. Also wenn mein Liebster zum Beispiel stundenlang an seinem Schreibtisch hockt und seinem Laptop interessierte Blicke zuwirft, anstatt mir. Dann kann ich schon mal maulig werden. Leider bekommt er gar nicht mit, dass ich schmolle und er sieht auch nicht, dass ich einen fast so schönen Schmollmund ziehen kann, wie einst die BB. Der guckt überhaupt nicht zu mir! Da kann ich zum Beispiel in Reizwäsche, voll aufgetakelt, geschminkt und frisiert wie ein Model durch unsere vier Wände tanzen, er arbeitet fleißig weiter und nimmt mich nicht wahr.“

„Mensch Melli, du kannst Schmollmund wie die Bardot? Ist das denn gut für die Falten? Da vertiefen die sich doch! Eigentlich soll man doch…..“

„Und ich dachte, ich kann mit dir darüber reden, Elfi! Dass du dich über mich lustig machst, hätte ich nicht gedacht…!“ sagt Melli und zeigt augenblicklich eine Kostprobe ihres oft geübten Schmollmundes.

Dieses Gespräch zwischen zwei Frauen habe ich neulich ungewollt mitbekommen, und zwar im Wartezimmer meines Zahnarztes. Schnell schnappte ich mir eine Illustrierte, die ich vorgab, zu lesen. In Wahrheit wollte ich nur völlig unauffällig weiter zuhören, was sich die beiden flotten mittelalterlichen Damen zu erzählen hatten. Fies, ich weiß! Aber nun tun Sie mal nicht so, als hätten Sie an meiner Stelle nicht auch die Ohren ganz lang gemacht! Jedenfalls lauschte ich noch länger und aus dem Augenwinkel beobachtete ich die beiden Ladys.

„Und wie läuft es sonst so bei euch, Elfi? Also ich meine, ist bei euch die Luft raus – du weißt schon! Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen! Also ich meine: Die meisten Kerle kriegen mit zunehmendem Alter nen Flitz und schwuppdiwupp stecken sie im zweiten Frühling und kucken den jungen langbeinigen Dingern hinterher – ich sag dir: wenn du Glück hast, dann kucken sie bloß…! Und dass du Reizwäsche im Schrank geschweige denn auf dem Popo und obenrum trägst, ein kleines Vermögen im Kosmetikstudio und beim Frisör lässt, fällt denen nicht mal mehr auf. Also sag schon, was ist bei euch im Schlafzimmer so los?“

 „Also ich bin mit meinem Austauschmodell ganz zufrieden!“ antwortet Melli. Sie ist mit ihrem zweiten Mann erst seit gut fünf Jahren zusammen. Ihre und seine Kinder sind erwachsen, leben ihr eigenes Leben und bei ihr und ihm scheint das Leben in jeglicher Beziehung noch ganz schön frisch zu sein. Mellis sogenanntes Austauschmodell heißt Fred und ist so ein ganz gemütlicher Typ, entnehme ich der Unterhaltung. „Der ist so goldig, der macht alles für mich und hilft mir, wo er kann. Der fährt alleine einkaufen, wenn ich keinen Bock habe, der putzt Fenster, saugt Staub und kuscheln ist kein Fremdwort für ihn. Ich sage dir, der ist besser als ein Sechser im Lotto, meine Liebe! Entschuldige, dass ich so drauf los rede, während es bei dir nicht so rund läuft!“

„Ach lass mal, so schlimm ist es nun auch wieder nicht. Mein Heini finanziert mir dafür jede Menge: Urlaub, Fitness-Studio, Klamotten und Klunkern, großes Haus, kleiner Sportflitzer, eine Putze, einen Gärtner, den Zahnarzt, zahlt Botox-Rechnungen, Wellnessreisen und anderen Kleinkram – ist ja auch nicht so verkehrt, macht nicht jeder…! So lange das so bleibt, bin ich ganz zufrieden. Ist schon vorteilhaft, wenn der Neue keine finanziellen Altlasten der Ex gegenüber an der Backe hat oder von Hause aus ein armer Schlucker ist.

Aber sag mal, hab ich dir schon von dem Typen im Golfclub erzählt? Der hat nen richtigen Knackarsch, obwohl er nicht mehr so frisch an Jahren ist.“

„Nee, hast du noch nicht – raus mit der Sprache, was ist das für einer?“

„Also Privatier und Witwer ist er – sagt er jedenfalls. Hat wohl früher in Immobilien gemacht, ist von Hamburg hierher gezogen, lebt alleine in seinem Bungalow und sucht Anschluss. Ganz gepflegter Typ – der geht bestimmt zur Fußpflege und lässt sich von einer Blondine mit halb offenem Kittel die Fingernägel polieren. Tja, so einer müsste sich mal für unsereins interessieren…!“

„Frau Berger bitte – der Doktor ist jetzt frei…!

Wie doof ist das denn, nun ist Schluss mit Zuhören. Würde schon gern erfahren, ob die was mit dem Golfer am Laufen hat…! Aber das bleibt wohl ein Geheimnis – zumindest für mich.

Also blättere ich in der Wartezimmer-Lektüre und erfahre, was bei Helene Fischer und Florian Silbereisen los ist und im Artikel unter einer weiteren Überschrift mit einem dicken Fragezeichen könnte ich nachlesen, ob die Schauspielerin wirklich mit dem Justizminister in die Buntkarierten steigt. Da mir Klatsch und Tratsch aus Industrie und Adel und über Promis total Banane sind, schau ich mal in mein Horoskop und da steht unter anderem: „….achten Sie auf Ihre Finanzen, es kommen unerwartete Ausgaben auf Sie zu..!“ So ein Blödsinn, was die Horoskop-Schreiber so verzapfen, denke ich und widme mich dem großen Schwedenrätsel. Indischer Gaukler mit fünf Buchstaben ist der Fakir und ein sandiges Badeufer der Strand, bei oberflächlichem Gefasel kommt larifari hin und so geht’s flott weiter.

Frau Berger hält sich die rechte Wange als sie aus dem Behandlungszimmer kommt und sich mit schmerzverzerrtem Gesicht ihrer wartenden Freundin zuwendet. „Biste fertig, wollen wir gehen?“ fragt diese und zieht dabei ihren blauen Seidenblazer an.

Kurz danach werde ich aufgerufen und ich bin darauf eingerichtet, nach kurzer Inspektion des Fachmannes getreu dem uralten Werbeslogan Mama, Mama, er hat überhaupt nicht gebohrt! glücklich die Praxis verlassen zu können.

Aber auch Zahnärzte sind nur Menschen und leben wollen sie wie jeder und da ohne Moos auch bei denen nix los ist, findet der Doc auch prompt eine wackelige Krone bei mir. „Da müssen wir unbedingt was machen, meine Liebe, sonst geht alles im Umfeld übern Deister und dann wird’s teuer! Ich lass Ihnen gleich den Kostenvoranschlag ausdrucken, dann schauen wir in den Kalender und machen einen neuen Termin aus!“ Das waren seine letzten Worte zu mir, jedenfalls für heute. Gebohrt hat er also nicht – jetzt nicht.

Dafür hat er seinen Computer mit dem Inspektionsergebnis gefüttert und der druckt aus, was ich demnächst blechen darf. Vierhundertzwölf Euro ist die voraussichtliche Gesamtsumme und darauf entfallen einunddreißigzwanzig auf meine Krankenkasse. Das nenne ich mal gerecht verteilt!

Und beim Horoskop-Schreiberling leiste ich unmittelbar Abbitte, der scheint dann wohl doch Ahnung von seinem Geschäft mit der Sterndeutung zu haben..!

12.04.2016