Der sogenannte kleine Mann oder in der Kürze liegt die Würze

Der sogenannte kleine Mann oder in der Kürze liegt die Würze

Wie sieht der eigentlich aus? Ist er länger als ein Meter fünfzig oder misst er weniger als einhundertfünfzig Zentimeter? Wenn man vom kleinen Mann spricht, siedelt man ihn meistens auf der Straße an. Hat der arme Kerl keine Wohnung, kein Haus, keine Bleibe, kein Zuhause? Falls das mit der Straße stimmt, wo ist sie? Gibt es sie in meiner Stadt oder womöglich in jedem Ort im Land oder vielleicht nur in deutschen Großstädten? Ist er ein Obdachloser, der im Winter bei der Bahnhofsmission übernachtet und im Sommer auf der Parkbank oder im Wartehäuschen an der Straßenbahnhaltestelle schläft?

Der kleine Mann ist in aller Munde. Die Medien berichten ständig über ihn, aber nur verbal. Fotos oder Filme über ihn scheinen nicht zu existieren, oder sie sind etwa geheim? Spielt da womöglich der Datenschutz eine Rolle? Wie lautet sein Vor- und Nachname, wann hat er Geburtstag, ist er verheiratet, ist er Vater, Opa, Bruder oder Onkel?

Der kleine Mann heißt nicht immer kleiner Mann – manchmal nennt man ihn auch Otto Normalverbraucher. Egal, wie man ihn nennt, er ist der fiktive Durchschnittsbürger, der die Bedürfnisse der Allgemeinheit widerspiegelt, den man extra für Statistiken erfunden hat. Er ist männlich, Ende dreißig, Anfang vierzig, ohne Einfluss und Vermögen, steht am Fließband bei VW, arbeitet auf dem Bau, fährt Taxi oder sitzt bei Aldi an der Kasse. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder, ist offen und grundehrlich, getaufter Christ, lebt in einer Sozialbauwohnung oder im renovierungsbedürftigen Reihenhaus mit Garten, das er von seinen Großeltern geerbt hat. Urlaub macht er auf Mallorca oder im Fichtelgebirge. Er ist ein unspektakulärer Jedermann, wie es ihn millionenfach und überall gibt.

Sein weibliches Pendant hört übrigens auf den schönen Namen Erika Mustermann.

Der Name Otto Normalverbraucher ist ursprünglich eine Erfindung des Berliner Kabarettisten Günter Neumann. Im seinem ersten Spielfilm Berliner Ballade wird das Leben des Wehrmachtsoldaten, der von Gert Fröbe gespielt wird, im bitterarmen Nachkriegs-Berlin geschildert.

Kleine Männer gab’s immer, zu jeder Zeit auf der ganzen Welt. Napoleon gehörte absolut nicht zu den körperlich Großen, aber er ist ein Großer der Geschichte. In der Psychologie spricht man vom Napoleon-Komplex, unter dem vorzugsweise die Miniaturausgaben des starken Geschlechts leiden. Ist ja auch nicht so einfach, wenn selbst Partneragenturen kein Interesse haben, die Kurzen in ihr Vermittlungsprogramm aufzunehmen. Kleine Männer sind unattraktiv, entsprechen nicht dem Wunschbild der modernen Frau, die nun mal keine kleine Affäre haben möchte!

Angeblich gibt es in der Berufswelt auch Gehaltslisten für Männer bis zu einer Länge von 1,65 m und je mehr die Messlatte anzeigt, umso mehr Euro werden am Monatsende aufs Konto überwiesen. In den Chefetagen vieler Firmen kommt man im Traum nicht auf die Idee, einen zu kurz geratenen Überflieger einzustellen, selbst wenn er noch so gute Erfolgs- und Intelligenznachweise liefert. Ein gewisses Gardemaß ist eben Pflicht und für Karrieristen allemal.

Mit nur 160 Zentimetern kann man(n) den Beruf des Balletttänzers oder Musicalstars abhaken, denn Schwanensee oder das Phantom der Oper ist in klein unmöglich. Beim Film und Fernsehen ist das allerdings anders, da kommt’s nicht unbedingt auf die Körpergröße an. Tom Cruise und Johnny Depp sind z. B. zwei Hollywood-Zwerge, die große Berühmtheit erlangt haben. Und auch auf deutschen Leinwänden und Monitoren sind nicht alle Protagonisten von der Gestalt eines Tamme Hanken oder eines Curd Jürgens.

Was wären die schönen Märchen von Hans-Christian Andersen oder den Gebrüdern Grimm und anderen Geschichtenerzählern, wenn dort nicht Gnome, Trolle, Kobolde, Wichte, Waldschrate, der kleine Muck oder der Däumling eine Rolle spielten? Ein Riese kommt erst durch den Zwerg zur Geltung und das Märchen vom Rumpelstilzchen wäre ohne die gut gewachsene Müllerstochter längst nicht so schön.

Es gibt wie immer im Leben ein Für und ein Wider und deshalb kann klein auch ziemlich oho sein und das Fazit dieser kleinen Betrachtung könnte auch heißen: In der Kürze liegt die Würze!