„Du sollst Vater und Mutter ehren“

– so steht es in der Bibel. Dieses vierte Gebot ist eines von zehn, das Christen beherzigen sollen – so empfiehlt es zumindest die Heilige Schrift. Und damit ist nicht gemeint, dass man am Muttertag der Mama ein Blümchen auf den Tisch stellt und sie zum Essen ausführt oder gemeinsam mit dem Vater an Himmelfahrt eine Sause macht.

Mit Vater und Mutter fängt es an und die Fortsetzung dieses Gedankens ist die Familie bestehend aus Geschwistern, Großeltern, Onkel, Tanten und anderen mehr oder weniger geliebten Blutsverwandten. Die Familie ist was Besonderes – sie hält zusammen. Sie ist das persönliche und private Gemeinwesen, der Ruhepunkt, die Keimzelle, die Sozialstation für alles, was zwischen Wiege und Bahre passiert. Familie kann etwas Wunderbares sein, ist eine Zweckgemeinschaft mit Höhen und Tiefen, Liebe und Verständnis, aber auch mit Härte und Ungerechtigkeit. Jedes einzelne Familienmitglied hat in dieser Gemeinschaft eine Rolle zu erfüllen oder sie vielleicht auch zu spielen.

Familie gibt es nicht nur in unserem Kultur- und Glaubenskreis. Sie gibt es überall auf der Welt und der Facettenreichtum, wie Familie funktioniert und gelebt wird, ist riesengroß. Die Mafia ist zum Beispiel auch eine Familie, eine Großfamilie. Denken Sie mal an die Corleones – diese berühmte sizilianische Geschichte Der Pate – und der Begriff Familie wird schon mal ganz anders buchstabiert.

Und weil Familie Verantwortung und Fürsorge normalerweise beinhaltet, könnte man dieses Konstrukt auch einer für alle und alle für einen nennen. Diesen Gedanken hat mittlerweile auch der Gesetzgeber aufgegriffen und unsere Gerichtsbarkeit ist damit beschäftigt, bestehende Gesetze und Vorgaben real unters Volk und an den Mann und die Frau zu bringen.

Im Klartext heißt das:
Wenn Muttern oder Vaddern ins Pflegeheim müssen und die (Eltern)-Rente und das Ersparte der Oldies – auch in Folge der Rentenpolitik diverser Bundesregierungen – nicht ausreichen, um die monatlichen Kosten zu decken, werden die leiblichen Kinder und deren Ehepartner zur Kasse gebeten. Falls die es auch nicht so dicke haben und nichts zu holen ist, klopft das Sozialamt bei den Enkelkindern an die Tür, sofern sie selbst Geld verdienen und nicht Hartzer sind. Doch wenn Geld oder Vermögen bei der Brut vorhanden ist, dann hält Vater Staat in Personalunion mit Sozialamt und Pflegekasse die Hand auf – selbstverständlich unter Berücksichtigung des sogenannten Selbstbehaltes des potenziellen Zahlungspflichtigen. Also die Familie als Solidargemeinschaft zur Entlastung des Sozialsystems.

Ist das vielleicht die Wiederentdeckung des alten Sprichwortes: Blut ist dicker als Wasser? Selbst der Großmeister Goethe hat in seinem Faust schon festgestellt, dass Blut ein ganz besonderer Saft ist und bedeutet das etwa, dass man sich heute auf die Familie zurückbesinnt?

Vielleicht denkt unser Staat aber auch gar nicht so verkehrt: denn schließlich hat die Generation, die derzeit als Achtzig-Plus bezeichnet wird, ihren Kindern und Enkeln jede Menge Vermögen in bar, in Aktien und Immobilien hinterlassen, vererbt oder bereits mit noch warmen Händen geschenkt, wie nie zuvor eine Generation es konnte. Außerdem haben Statistiker herausgefunden, dass nach dem zweiten Weltkrieg der Wiederaufbau jede Menge Zaster und Wohlstand gebracht hat und so ziemlich alle in unserem Land daran beteiligt waren – sofern sie Bock auf Arbeit hatten und fleißig waren. Und die vermeintlichen Profiteure sind nun einmal die Nachkommen der Generation Achtzig-Plus und bei denen wird im Bedarfsfall bei Finanzbedarf zum Unterhalt eben nachgehakt.

Ob das richtig ist oder nicht, fragen Sie sich? Das Für und Wider wird jeder anders beantworten. Aber Wahrheit ist doch, dass jeder Einzelne von uns, der Steuern, Kranken- und Pflegeversicherung in den großen Topf einzahlt, den alten Herrn Fritz Plottke und die noch ältere Frau Erna Dudel im Heim „zum fröhlichen Lebensabend“ ohnehin mitfinanziert. Vater Staat ist eben auch nichts anderes, als eine große Familie und die Familienmitglieder sind schließlich wir alle!

http://www.welt.de/print/die_welt/debatte/article125060155/Blut-ist-dicker-als-Wasser.html