Von Pampers, Pommes und Piepmätzen

Blauer wolkenloser Himmel, alles grünt und blüht, sprießt und duftet – ein Tag wie Samt und Seide wie er schöner nicht sein kann. Nach dem langen Winter und dem viel zu kalten und feuchten Frühjahr ist dieser Tag im Mai gleich einer von der Kategorie Sommer. Jeder drängt ins Freie. Kinder und Hunde toben ausgelassen, Radfahrer und Spaziergänger bevölkern die Promenade, auf dem Wasser gleiten Segelboote lautlos im Wind und große und kleine Motorboote tuckern gemütlich schaukelnd über die Wellen.

„Liebling, ich habe Hunger, lass uns was essen gehen…“ unterbricht mein Mann diese Idylle. Okay, machen wir – und wo? „Wollen wir zu Antonio gehen – der hat den besten Fisch!“ Bei Antonio ist es gerammelt voll auf der Freiluftterrasse. Unter jedem Sonnenschirm, an allen Gartentischen und auf jedem Klappstuhl sitzt schon wer, trinkt Kaffee, Bier oder Limo, hantiert mit Messer und Gabel und genießt diesen späten Nachmittag. Da drüben, an dem Tisch mit dem jungen Pärchen und den beiden lütten Hosenschietern, sind zwei Plätze frei! „Guten Tag, dürfen wir uns zu Ihnen setzen?“ Die junge Frau nickt zustimmend und füttert den niedlichen Kerl im Kinderstühlchen mit Pommes.

Wir nehmen Platz, halten nach dem Kellner Ausschau, denn wir haben tierischen Durst. Der Tisch sieht aus wie ein Schlachtfeld. Benutzte Servietten, halb volle Teller mit Resten, Gräten und Salat, ein Glas mit Apfelschorle und Strohhalm, ein leeres Weizenbierglas, ein Kelch mit Erdbeerbowle, eine Flasche Wasser in der Kühlbox und eine umgekippte Nuckelflasche mit Tee. Das kleine Mädchen kleckert ihrem Papa Schokoladeneis auf die beigefarbene Hose und kuschelt sich gähnend an sein hellblaues Krokodilshirt und hinterlässt jede Menge Schokospuren.

„Bringen Sie uns doch bitte zwei alkoholfreie Weizen!“ ruft mein Mann dem genervten Ober zu. Mit dem Bier bringt er uns auch die Speisenkarte und im nächsten Anlauf bestellen wir einmal Matjes in Hausfrauensoße und einen Hafenteller.

Oh ist das schön, heute nicht kochen, Abendessen im Freien im lauen Frühlingswind – was geht’s uns doch gut! Selbst die beiden lautstark quengelnden Kids am Tisch stören kein bisschen – sind schließlich nicht unsere. Selbst die grölenden Fußballfans, deren Mannschaft kurz vorm Abstieg aus der ersten Liga steht, gehören zum Freiluftprogramm wie der Mai zum Frühling.

Eine attraktive Servicekraft mit schwarzen Kulleraugen und dunklen langen Locken bringt unser Essen. Eine lockige Strähne streift die Hausfrauensoße auf Teller Nummer eins und der zweite Teller schaukelt bedrohlich in ihrer rechten Hand mit den überlangen blau lackierten Fingernägeln. Bestecke hat sie vergessen und es dauert ein Weilchen, bis sie uns das Werkzeug eingehüllt in Papierservietten bringt. Sie wünscht uns guten Appetit, wir bestellen nochmals zwei Biere und widmen uns genüsslich unserem Essen.

Das kleine Mädchen an unserem Tisch hat die Windeln gestrichen voll, so erschnuppert es jedenfalls Mama – frische Pampers liegen im Auto, kommentiert Papa. Junior füttert Spatzen und Tauben mit den restlichen Pommes und kommt ins Juchzen, wenn einige Piepmätze direkt auf dem Tisch landen und sich selbst bedienen. Sein Schwesterchen hingegen ist an dem fröhlichen Treiben der Flattermänner überhaupt nicht interessiert – sie schreit was das Zeug hält und Beruhigungsversuche schlagen fehl. Die genervten Eltern zahlen, verstauen ihren Klimbim in einer Tasche, schnappen sich die lieben Kleinen und nun ist Ruhe am Tisch.

„Na, schmeckt es dir?“ frage ich meinen Angetrauten und er antwortet mit vollem Mund: „Geht so – aber dolle ist es nicht – du machst ne bessere Hausfrauensoße, die Salzkartoffeln goldgelb und bei dir sind die Matjes grätenfrei!“ Auch mein Essen ist nicht das perfekte Dinner und nach dem Blick auf die Rechnung lautet unser Fazit: Früher hat’s bei Antonio besser geschmeckt!

Warum haben wir in fast jedem Restaurant was zu maulen und zu meckern? Liegt’s an uns oder an den Futtertempeln, die ihre Angebotsqualität im Laufe der Jahre anders definieren? Sind die Kochmützenträger nicht mehr die, deren Künste wir noch vor längerer Zeit sehr schätzten? Sind wir den Gastronomen noch was wert und wenn ja, was bitte? Sind die womöglich nur noch an unserem Geld interessiert? Oder sind wir zu mäkelig und zu verwöhnt?

Selbst die Frittenbude an der Ecke mit Currywurst und Pommes Schranke bietet nicht mehr die außerordentlich leckeren, ungesunden Kalorienbomben an, wie noch vor zwei Jahren.

Wir wissen es nicht – finden es aber absolut schade, dass wir etliche der gutbürgerlichen Restaurants in unserem Wohnumfeld nicht mehr ansteuern und mittlerweile lieber am heimischen Tisch Gutes vom eigenen Herd essen. Bei uns gibt es Frisches, keine Fertigprodukte, viele Kräuter, selbstgemachte Soßen, Suppen, Salate, Obst und meistens auch frisch gepresste Säfte.

... lecker, gesund und - zuhause.
… lecker, gesund und – zuhause.

Bratkartoffeln und Pommes schnippeln und braten wir allein und Salzkartoffeln werden bei uns gedämpft und nicht glasig serviert. Unserem Fisch schauen wir vor der Zubereitung gerne in die Augen und unter die Kiemen und unser Fleisch kaufen wir beim türkischen Metzger und bei einem Landschlachter, der seine Viecher noch namentlich und persönlich kennt.

Essengehen im Normalsegment ist immer seltener unser Ding. Dafür genießen wir immer öfter die eine oder andere Kugel Gelato beim Italiener unseres Vertrauens – der achtet wenigstens pingelig auf Qualität und seine Handwerkskunst beherrscht er aus dem Effeff!