Freundlichkeit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr…

Ganz frei nach Wilhelm Busch, der seinerzeit allerdings auf Bescheidenheit setzte. Bei mir soll’s heute mal um Freundlichkeit und Höflichkeit gehen, die einigen Menschen in verschiedenen Landstrichen Deutschlands nicht in die Wiege gelegt wurden.

Genau genommen meine ich die Berliner und da wiederum etliche Vertreter der Dienstleistungsbranche, wie zum Beispiel Taxifahrer und Busfahrer. Freundliche Taxifahrer, die mit Spreewasser getauft sind, gibt’s in der Hauptstadt nicht. Falls Sie doch mal einem dieser Spezies begegnen, erschrecken Sie nicht, der ist vermutlich zugereist und verfügt somit über eine andere genetische Grundausstattung.

Der typische West-Berliner Droschkenkutscher hat fünfzig Lenze längst überschritten, ging früher in der geteilten Stadt im Wannsee und an der Badewiese baden, knatterte mit dem Motorrad die Havelchaussee runter und traf seine Kumpels an der Spinnerbrücke. Er wohnte im Wedding, in Spandau, Wilmersdorf oder Charlottenburg, kannte die ganze Stadt wie seine Westentasche. Stammkundschaft gab’s in unmittelbarer Nachbarschaft, denn man kannte sich im Kiez. Er kutschierte die Oma regelmäßig vormittags zum Doktor, die Bardame am frühen Abend zum Savignyplatz zur Arbeit und holte Fritze von geraderüber zweimal pro Woche vom Skatkloppen mit den Kumpels in Gatow ab. Und weil man sich kannte war die Kommunikation aufs Nötigste begrenzt – man tauschte Neuigkeiten aus, höfliche Freundlichkeiten waren unnötiger Beirat.

Wenn ein Fremder in Tegel, Tempelhof oder am Bahnhof Zoo das Auto eines Berliner Urgesteins bestieg, konnte der Fremde eigentlich nur alles falsch machen.

„Schönen guten Tag“ sagt der Fremde und der hinterm Lenkrad antwortet „Na ob der jut is, kann ick noch nicht sagen – wo sollet denn hinjehen, Meister?“
„Ich möchte bitte in die Grunewaldstraße Nummer 17.“
„In welche Jrunewaldstraße?“
„Ähh, wie jetzt – gibt’s mehrere?“
„Na klar Meester! Wollen Se nach Spandau, Steglitz, Zehlendorf, Wannsee…?“
„Weiß ich nicht. Warten Sie mal – hilft Ihnen die Postleitzahl?“
„Na wenn Se die ham, denn hilft sie uns beede. Ewig kann ick hier ooch nich stehen. Ick schalt mal schon dett Taxameter an, bin schließlich zum Jeldverdienen uff de Straße!“

Falls ein Fahrgast es mal sehr eilig hat, sollte er einen Taxifahrer auf keinen Fall drängen und schon gar nicht um Tempo bitten. Da könnte dann schnell schon mal der Hinweis kommen: „Männeken, ick bin hier uff Arbeet und nich uff de Flucht!“

Und sollten Sie beim Aussteigen noch ein freundliches „Wiedersehen“ sagen, dann bitte nicht sauer sein, wenn er ein „Na-wenn-es-sich-nicht-vermeiden-lässt“ zurück murmelt.

Aber auch bei Busfahrern kann man das Höfliche nicht gleich auf den ersten Blick erkennen. Fragen Sie diesen Zeitgenossen mal nach der Grunewaldstraße, die bekanntermaßen mehrfach in Berlin vertreten ist. Seine Antwort könnte zum Beispiel lauten: „Bin ick etwa een Auskunftsbüro?“ Zahlen Sie mal beim Busfahrer mit nem Zwanziger, dann weist er schon mal gerne darauf hin, dass „een Bus nu mal keene Wechselstube is!“ Und wenn Sie ihm lauter Kleingeld hinlegen, dann wird er sie dran erinnern, dass er „keen Balalaikaspieler uff’m Ku’Damm mit Hut und Köter is!“ Egal, wie Sie es auch machen, es dürfte falsch sein.

Auch nach dem Mauerfall hat in Berlin Höflichkeit und Freundlichkeit keinen Einzug in vorgenannter Branche gehalten. Warum auch, denn hinter dem Eisernen Vorhang existierte real der Sozialismus und unter Genossen konnte man sich diese Dinge verkneifen. Die passten nicht in den Arbeiter- und Bauernstaat und auch nicht in die Hauptstadt der DDR.

In Ost-Berlin waren Taxis beliebt und ihre Chauffeure noch mehr. Die kurvten nämlich mit „richtigen Autos“ durch die leeren Straßen und nicht mit dem überaus begehrten Plastebomber namens Trabi, dem Volkswagen des kleinen DDR-Mannes.

Bus- und Straßenbahnfahrer und Fahrerinnen waren ebenfalls angesehen und die waren eben nur da, mussten keineswegs freundlich sein, lediglich für (Fahr-)Planerfüllung am Arbeitsplatz sorgen.

Diese Vertreter ihrer Zunft sind in ihrem Verhalten selbstverständlich nicht repräsentativ, aber immerhin im Alltag der Hauptstadt ohne große Mühen und Anstrengung zu finden. Sie gehören mit all ihrem rustikalen Charme zwischen die Häuserschluchten und auf die Straßen Berlins. Ohne diese kauzigen Typen wäre die Hauptstadt um Etliches ärmer. Einheimischen würden regelmäßige Aufreger fehlen. Und niemand könnte den Zugereisten und Berlin-Besuchern die weltbekannte Berliner Schnauze so gut vermitteln wie Bus- und Taxifahrer.