Piep-Show im Morgengrauen

Seit über fünf Stunden sitzt er schon wieder am Computer. Neben ihm könnte ein Feuerwerk mit einem irren Knall in die Luft fliegen und er würde es vermutlich nicht einmal merken und wenn doch, dann nicht sehr beeindrucken.

Er liebt seine Vögel. Alle einheimischen Piepmätze sind sein liebstes Hobby.

Fragen Sie ihn mal, welche Populationen im Umfeld von fünfzig Kilometer hier zuhause sind und er nennt sie Ihnen – alle von A bis Z. Er weiß, welche Arten den Winter im Süden verbringen und welche nicht, wer seine Eier wann, wo und wie viele legt und von wem das Gelege bedroht wird.

Er betreibt einen Online-Blog, den er regelmäßig mit neuen Infos, Fotos und Filmchen seiner Lieblinge bestückt – und er hat Follower ohne Ende. Die sind brennend daran interessiert, Neues vom Blaumeisen-Pärchen zu erfahren, das gerade fünf Junge aufzieht. Kinderstube befindet sich in der Rotbuche neben unserer Terrasse, Start- und Landebahn verläuft knapp über unseren Köpfen und unser Tisch ist für Zwischenlandungen genau richtig.

Fotogen sind die gefiederten Freunde allemal und kein bisschen scheu, eher kamerageil. Manchmal scheint es, als genießen sie es, beim Zwischenstopp in der Butter oder der Erdbeermarmelade geknipst zu werden. Ebenso posieren sie gekonnt beim Baden in der Frischwasserschüssel immer in der Hoffnung, der Fotograf drückt auf den Auslöser und ein schönes Bild ist erst im Kasten dann im Internet.

Sie spielen alle eine wichtige Rolle. Alle Finken, Meisen, Rotkehlchen, Amseln, Drosseln, Spechte, Ringeltauben und wie sie sonst so heißen, und dass zu allen Jahreszeiten. Sie sind ihm wichtig, wichtiger als andere Dinge in seinem Leben, in seinem Rentnerdasein!

Vögel und die deutsche Sprache sind sein Ding – da ist er penibel wie der alte Herr Duden – gestochen scharfe Bilder und präzise Textbeiträge sind das Ergebnis.

Manchmal steht er nachts auf, weil er nicht schlafen kann. Liegt’s am Vollmond oder ist es die senile Bettflucht? Er denkt nicht drüber nach, er setzt sich an seinen Computer, denn auf seiner Website gibt es immer was zu tun. An den Texten fummelt er gerne rum. Manchmal dauert es ewig bis die Worte richtig sitzen und ihm gefallen.

Wenn seine Frau sein nächtliches Treiben bemerkt, steht sie auf, zupft ihr Negligé zurecht, fährt sich mit den Fingern durch die Haare, geht zu ihm an den Schreibtisch, öffnet das Fenster und atmet tief die frische Morgenluft ein.

Dann streichelt sie ihm über die schütteren Haare und sagt:
„Liebling, schau mal aus dem Fenster, der Morgen graut!“
Er schaut sie lange und eindringlich an – von oben bis unten – das Zwielicht umspielt ihre Silhouette und mit einem tiefen Seufzer antwortet er ihr dann:
„Nein mein Schatz, dem Morgen graut…dem Morgen!“
Es ist fast fünf Uhr morgens und draußen zwitschern seine kleinen Lieblinge durcheinander, sie begrüßen den neuen Tag mit einem lauten und vielstimmigen Konzert…