Fußball ist unser Leben, denn König Fußball regiert die Welt

Die Älteren unter uns erinnern sich noch an das Lied der Nationalmannschaft und die WM 1974 in Deutschland. Da haben die Jungs nicht nur die Beine bewegt, sondern auch kräftig geträllert – nicht schön aber schön laut. Kaiser Franz war dabei, genau wie Gerd Müller, Paul Breitner, Günter Netzer und wie sie alle heißen. Unsere damaligen deutsch-deutschen Nachbarn haben sich auch mächtig ins Zeug gelegt und mit einem „Ja, der Fußball ist rund wie die Welt“ – gesungen von Frank Schöbel -gekontert.

Fußballlieder zu Weltmeisterschaften waren lange Zeit trendy, allerdings ohne Beteiligung der deutschen Nationalmannschaft. In den Folgejahren wurden professionelle Sänger engagiert, wie Udo Jürgens mit „Buenos días, Argentina“ und „Wir sind schon auf dem Brenner“, Michael Schanze mit „Olé Espana“ und Peter Alexander, der „Mexiko, mi amor“ auf seine wundervoll-dahinschmelzende Art sang. Da freuten sich Fußball- und Schlagerfan gleichermaßen, denn beide bekamen ordentlich was auf die Ohren.

Bis heute ist es auch dabei geblieben, Nationalspieler nicht mehr gesanglich zu beteiligen, es sei denn, die Nationalhymne ertönt vor Spielbeginn oder bei der Siegerehrung, dann dürfen die Kicker ihre Musikalität auf den Prüfstand stellen. Manch einer tut’s, andere bewegen nur kläglich und völlig unpatriotisch ihre Lippen.

Derzeit rollt wieder der Ball, mal ins Tor, oben rüber, mal daneben, aber immer in Frankreich und sicher im Fernsehen. Da kann der Fan in Jogginghose und T-Shirt auf seiner heimischen Couch in der ersten Reihe Platz nehmen oder mit dem Zweiten besser sehen. Er darf genüsslich knackige Chips knabbern, kaltes Bier trinken, fachmännisch kommentieren, den Bundes-Jogi kritisieren, jubeln, zittern und bei Bedarf lauthals das Lied der Deutschen mitträllern.

Andere Länder, andere Sitten – so auch beim Absingen des heimatlichen Lobgesanges, also der Hymne. Die Isländische heißt einfach nur „Lobgesang“, die Italienische erinnert an die „Brüder Italiens“, die „Marseillaise“ ist nicht nur bei unseren französischen Nachbarn bekannt, die stolzen Spanier lauschen dem „Spanischen Marsch“ und dann gibt’s noch die Jungs von der Brexit-Insel, die Gott bitten, ihre Königin zu schützen.

Immer sind die Kameras dabei. Die Kameras zeigen alles, egal, ob die Jungs mitsingen, inbrünstig oder gelangweilt, textsicher oder nur ein peinliches Lalala über ihre Lippen bringen. Die Kameras sind wie Big Brother. Sie sehen alles und sie sind überall. Sie zeigen uns auch das, was der Zuschauer vielleicht gar nicht sehen möchte. Das Rasenspucken ist eklig wie Nasebohren. Was Jogi mit der Hand in seiner Hose macht, interessiert niemanden wirklich. Die unterschiedlichen Arten des Kaugummikauens könnte allerdings mal ein psychologisch geschulter Fachmann in einer Extrasendung dem Fernsehzuschauer erläutern.

Fußball ist nun mal der Lieblingssport der Deutschen, das Singen in Stadien und auf Fußballplätzen gehört dazu. Wir werden von Kameras beim Fußballgucken beäugt und möglicherweise sogar auf riesige Videowände übertragen. Und weil wir beobachtet werden, tut jeder Stadionbesucher gut daran, seine guten Manieren auf den Prüfstand zu stellen, und zwar ganz frei und im übertragenen Sinne nach Herrn Knigge: Wenn du denkst du bist alleine, mach dir deine Nägel reine!