Hurra, sie leben noch!

Hausbesetzungen haben in Berlin Tradition. Wann fing es damit an – in den Siebzigern, den Achtzigern? Piepegal – wichtig ist nur, dass sie niemals out waren und derzeit erlebt diese Szene eine Renaissance mit viel Publicity über die Stadtgrenzen hinaus. Autonome und Linke ärgern Hauseigentümer, Anwohner und Polizei. Und noch immer haben Senat und Ordnungshüter kein Patentrezept, diesen Störenfrieden den Garaus zu machen.

Früher nannte man es auch „Häuserkampf“ und der tobte nicht nur in Kreuzberg. Damals reisten die Damen und Herren Hausbesetzer aus allen Ecken Deutschlands aus der Provinz und aus dem bürgerlichen Muff anderer Städte nach Berlin. Hier konnten sie die Sau rauslassen, Steine werfen, sich chaotisch aufführen und so manch ein Wehrdienstverweigerer fand im Schutze der Mauer in West-Berlin aktive Freizeitgestaltung. Irgendwann arrangierten sich dann die Bösen mit den Guten. Sie unterschrieben Mietverträge und die einstigen Rebellen sanierten friedfertig gemeinsam ihr neues Zuhause, gingen arbeiten oder studieren, machten ganz auf Normalo.

Aufgesprühte Parolen wie „Das größte Schwein im ganzen Land, das ist und bleibt der Spekulant“ verblassten an den Hauswänden und der Alltag war im beschaulichen Berlin zurück. Doch dann machte die DDR schlapp, Mauer und Stacheldraht waren Geschichte, Berlin auf einmal riesengroß.

Das war die Wende, die dann auch die im Untergrund schlummernde Hausbesetzerszene wieder ans Tageslicht spülte. Jetzt galt es, Ost-Berlin zu erobern, denn da gab es jede Menge verwahrloste und heruntergekommene Immobilien zu okkupieren und noch mehr Arbeit für alle Beteiligten. Chaoten und Polizei machten sich heftig das Leben schwer, schenkten sich nichts und das in großer Regelmäßigkeit.

Hausbesetzungen und Randale zum Ersten Mai gehörten und gehören zu Berlin wie der Funkturm, der Wannsee und das Brandenburger Tor. Mittlerweile hauen die Uniformierten nicht gleich jeden Schlagstock auf dem Buckel der Vermummten kaputt, sondern gehen den Weg „der ausgestreckten Hand“. Das heißt im Klartext: miteinander reden – sozusagen betreute Randale! Seitens der Behörden wohl ein tolles und erfolgreiches Konzept – sagen zumindest die entsprechenden Senatsstellen.

Allerdings bestätigen auch Ausnahmen die Regel, so jedenfalls in der Problemzone rund um die Rigaer Straße 94 in Friedrichshain. Da herrscht schon seit langem Bambule. Da fliegen die Fetzen zum Motto „jeder gegen jeden“ und ohne Polizei geht in dieser Straße gar nichts. Ein Ende der Querelen ist nicht in Sicht, dafür aber die Fronten unglaublich verhärtet.

Der Regierende Bürgermeister und sein Innenminister duellieren sich verbal hinsichtlich einer Lösung des Problems und das alles aktuell, live und in Farbe mitten im beginnenden Wahlkampf zum Abgeordnetenhaus, der somit kein bisschen langweilig werden dürfte.

Liegt das Problem am Eigentümer, an den Mietern, an den Hausbesetzern, an den Nachbarn, an der Polizei, an der Politik in der Stadt oder womöglich am Wetter? Wer weiß das schon!


Folklore und Karneval im Kiez
Berlin ist eine Reise wert! Das war schon immer der werbewirksamste Slogan, der auch heute noch zieht.

Die Hauptstadt zieht Touristen an, wie der Kuhfladen die Schmeißfliegen. An erster Stelle stehen die Touris, die sich die Stadt mit allem Drum und Dran ansehen und entdecken wollen. Gäbe es sie nicht, wäre Berlin längst pleite. Aus der ganzen Welt reisen sie an, um diesen geschichtsträchtigen Boden am Brandenburger Tor, am Checkpoint Charly, mit alter und neuer Kultur, all den Szenebars, Restaurants, Clubs und Kneipen, dem Ku’Damm zu erleben. Heerscharen von Partytouristen, die besonders gerne in Friedrichshain und Kreuzberg unterwegs sind, nerven die Anwohner ganzjährig durch lautes Krakeelen und durch pinkeln in alle Ecken und an Hauswände.

Es kommen aber auch die, die als Randale-Touristen bezeichnet werden. Das sind die, die Lust auf Rambazamba haben, bei Großkundgebungen und Demos für Chaos und Gewalt sorgen. Großer Beliebtheit erfreuen sich die Tage um den Ersten Mai herum bei den Herrschaften von der vermummten Fraktion. Die liefern sich seit Jahrzehnten Straßenschlachten mit den Ordnungshütern, sie zünden Autos an und schlagen alles kurz und klein was ihnen in die Quere kommt. Und dann sind da noch die Hooligans, die sich bei Fußballspielen im Olympia Stadion auch für unverzichtbar halten.

In Berlin ist immer was los und das ist weltweit bekannt und für viele Besucher anziehend und verlockend. Silvester in der Hauptstadt ist für Besucher aus der Provinz einfach das Größte und der Karneval der Kulturen die perfekte Multikulti-Veranstaltung, die Kreuzberg immer Pfingsten auf Touren bringt.

Überall in der einst geteilten Stadt steppt der Bär rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr, auf dem Wasser, in den Strandbars, in Cafés, auf den Straßen, in U-Bahnhöfen, auf Plätzen, auf Wochenmärkten und manchmal sogar dort, wo man es überhaupt nicht vermutet.

Berlin ist bunt und bietet für jeden was. Berlin ist Ost und West, Süd und Nord. Berlin ist modern und mondän, herrlich altmodisch, spießig, kleinkariert, provinziell, weltstädtisch. Berlin hat Laubenkolonien, Villenviertel, Gründerzeithäuser, Plattenbauten, Hochhäuser, ist Steinwüste, hat Parks und jede Menge Wasser. Berlin ist Stress pur und Erholung zugleich. Berlin ist vermögend, steinreich, asozial und bettelarm. Berlin ist einfach alles. In Berlin leben dreieinhalb Millionen Menschen – registrierte Menschen – und schätzungsweise sechs Millionen Ratten.
Berlin ist arm aber sexy und Berlin ist meine Heimatstadt.