Rendezvous mit ihm

Er ist kein geladener Gast. Er kommt aber trotzdem zu jedem von uns, und zwar nur ein einziges Mal im Leben ganz zum Schluß. Ungebeten, immer zur falschen Zeit, vielleicht plötzlich und unerwartet und viel zu früh. Oftmals aber auch viel zu spät und schon lange sehnsüchtig erwartet. Er ist der Böse, der Spielverderber, aber auch der Erlöser und die Hoffnung. Er ist einer der alles verändert und jemand, den wir verfluchen. Vor ihm fürchten wir uns und er ist nicht manipulierbar, sein Kommen nicht verhandelbar – vielleicht ein wenig aufschiebbar. Doch irgendwann ist er da und weicht nicht mehr von unserer Seite. Er gehört zu uns und unserem Dasein. Er orientiert sich nicht an unserem Alter, er ist da, wenn er es für richtig hält. Es interessiert ihn nicht die Bohne, ob es uns passt, ihm zu begegnen, er macht das Timing nach seinem Plan. Auf jeden Fall ist er unser letztes Date in dieser Welt und das steht so fest, wie das Amen in der Kirche. Manchmal ist Zeit, sich auf dieses Zusammentreffen vorzubereiten, manchmal geht’s aber auch Knall auf Fall von einer zur anderen Minute.

Unser allerletztes Rendezvous haben wir mit dem Tod – mit wem auch sonst. Und das ändert sich auch nicht und es kommt auch nix dazwischen: kein Handyanruf, keine noch so tolle Einladung zum Geburtstag, ins Konzert, in die Oper oder in den Zirkus, keine doofe Ausrede. Das mit ihm ist endgültig und bei ihm ist der Name das Programm.

Aus die Maus, die letzte Reise antreten, in die ewigen Jagdgründe eingehen, man wird in die Ewigkeit abberufen, man gibt den Löffel ab, man nimmt Abschied für immer. Wie man es auch ausdrückt, poetisch oder salopp, wie man es dreht und wendet, es ist das Finale für alle und für jeden. Dabei ist es völlig egal, ob wir von Gott, von Allah, von Buddha, von Manitu oder Anderen ins Jenseits „gerufen“ werden, es ist der letzte Weg von hier in den Himmel, ins Nirwana in die ewigen Jagdgründe oder wohin auch immer. Was uns dort erwartet, weiß niemand. Alle gingen, aber niemand kam zurück, um zu berichten.

Wer zurückbleibt ist traurig, ist alleine und ohne diesen geliebten, verehrten, respektierten Menschen, den Vater oder Bruder, den Nachbarn, den Bekannten, den Freund, den der Sensenmann an die Hand nahm und in eine andere Welt begleitete. Der Verstorbene hinterlässt eine Lücke, die niemand füllt, denn kein Mensch ist einfach so austauschbar. Sein Lachen, seine Stimme, seine Ansichten, sein Wesen – alles war individuell und einzigartig.

Verstorbene bleiben in unseren Gedanken, in unseren Herzen, wir behalten sie in Erinnerung. Wir pflegen ihre letzte Ruhestätte, falls es eine gibt. Wir reden mit ihnen, wir lassen den Draht zu ihnen nicht abreißen, wir fühlen sie in unserer Nähe, wir spüren, dass sie zwar tot, aber trotzdem bei uns sind. Wir hören sie sprechen, oder bilden wir uns das nur ein? Sind das Halluzinationen, ist es Wunschdenken oder von allem etwas?

Mit krakeliger Hand stand in meinem Poesiealbum: Schöne Erinnerungen sind leuchtende Sterne im Kranze des Lebens… Damals habe ich die Worte gelesen, aber nicht verstanden; heute verstehe ich den Wert und Sinn dieser Worte.

Tschüss Herr Nachbar!

  1. Juli 2016