Aus mit siebenundsechzig

Jetzt hat sie ihr Leben ausgehaucht. Sie ist über den Jordan gegangen. 67 Jahre lang weilte sie unter uns und war immer zur Stelle, wenn man sie brauchte. Sie ist den Weg alles Irdischen gegangen und hat ihr Leben ausgehaucht. Sie war eine treue Begleiterin.

Die Wasserwaage, die mein Vater 1949 gekauft hat, ist nun im Eimer. Das hätte ihn getroffen. Er mochte sie gerne und er benutzte sie oft. Er hat sie damals, vier Jahre nach Kriegsende und kurz nach der Berliner Blockadezeit gekauft. Das Geld hat er sich mühsam zusammengespart, denn so dicke hatten er und meine Mutter es damals nicht. Nach der Währungsreform 1948 gab es zwar die D-Mark für jedermann, aber keineswegs genug davon und schon gar nicht alles zu kaufen, was das Herz begehrte. Er war Handwerker und brauchte eine Wasserwaage dringend und zum täglichen Geldverdienen.

Das gute und nützliche Stück hat bis vor einigen Tagen gute und treue Dienste geleistet, denn sie war noch deutsche Wertarbeit. Gute deutsche Wertarbeit! Das war ein feststehender Begriff, der sich in der Welt behauptete und deutsche Produkte wurden geschätzt und begehrt. Vor ihnen zog man den Hut. Auf dieses Gütesiegel konnte man bauen, es zeugte von Qualität und es steckte Können und Langlebigkeit dahinter.

Die Zeiten sind vorbei. Heute – und etliche Jahrzehnte später – leben wir in einer Wegwerfgesellschaft, in der Produkte längst nicht mehr so lange haltbar sind. Es wird nicht mehr für eine kleine Ewigkeit gebaut und gefertigt, und das nicht nur in unserem Land. Vielleicht liegt das an der Schnelllebigkeit unserer Zeit und an dem ständigen technischen Fortschritt, an Konjunkturprogrammen der Industrie oder an anderen Dingen. Jedenfalls ist es ein ausgetüfteltes System, von dem viele profitieren.

Wie viele Handys haben Sie in den vergangenen zwanzig Jahren gekauft? Irgendwann war das alte kaputt und das neue Modell einfach nur zu reizvoll. Das alte wanderte in den Müll oder in die reichhaltig gefüllte Elektroschrottkiste, die im Keller gleich rechts am Eingang steht. Fernseher, Staubsauger, Wasserkocher und hundert andere Artikel des täglichen Bedarfs wurden ausrangiert und durch modernere ersetzt. Mit Autos ist es auch nicht anders. Wer es sich leisten kann, kauft die neuesten Erfindungen und Errungenschaften der Technik, sofern es der Geldbeutel hergibt. Wer knapp bei Kasse ist kauft trotzdem, und zwar auf Pump. Alles geht, alles ist erlaubt.

So ist das heute. Ist es gut, ist es schlecht – wer weiß das schon. Nachhaltigkeit ist ein Wort, das in unserem Sprachgebrauch existiert und einen beachtlichen Stellenwert hat. Angeblich jedenfalls. Aber viel zu wenige halten sich daran.

Für so manch einen von uns kam deshalb die Flüchtlingswelle gerade zurecht. Und so manch ein ausrangierter Gebrauchsgegenstand wandert nicht auf den Müll sondern zu den neuen Mitbürgern, die Unterstützung dringend benötigen. Spielsachen für Kinder, Fahrräder, Möbel für Wohnungen, Bettwäsche, Küchen- und Haushaltsartikel jeglicher Art und Kleidung finden neue Besitzer. Ein bisschen Hilfe auf dem Weg in eine neue Zukunft, auf die viele sich freuen.

Für diese Menschen ist es wie für unsere Altvorderen, die nach dem zweiten Weltkrieg auch vor einem Neuanfang standen und es müssen ja nicht alle Dinge 67 Jahre lang halten, wie die Wasserwaage meines Vaters.