Laterne ganz unten – wer die Wahl hat…

Erbarmungslos brennt die Sonne auf den Asphalt und auf die ohnehin schon aufgeheizte Hauptstadt. Das Quecksilber steht bei 33 Grad und es soll noch steigen, sagen die vom Radio 88.8. Die wissen das, die sind schließlich einer der vielen rbb-Radiosender. Die Stadt bereitet sich auf ein superheißes Wochenende vor und wir mitten drin. Wir wollen ein fröhliches Wochenende mit Freunden und Bekannten verbringen, mit guten Gesprächen und allem, was dazugehört – inklusive Hitze.

Ebenso heiß ist der Wahlkampf der Parteien, die am 18. September ins Abgeordnetenhaus einziehen wollen. Wohin man schaut: große, kleine, bunte, langweilige, nichtssagende Plakate in rot, grün, blau oder einfach nur in schwarz-weiß, eben Wahlwerbung der Parteien. Oft ist nicht zu erkennen, welche Partei am Baum oder an der Laterne hängt oder riesengroß auf dem Mittelstreifen plakatiert.
Kopfschüttelnd lese ich einen Slogan von den Grünen: „Dein Gott? Dein Sex? Dein Ding!“ Was heißt das denn?
„Oma Anni“ lernt man als „Mietrebellin“ kennen, sofern man sich für die Linke interessiert und ebenso den „Rechenkünstler“, der sich über eine Mülltonne beugt.
„Berlin Bleibt Weltoffen“ und „Müller Berlin“ lässt ahnen, dass es sich um Michael Müller, den noch Regierenden und die SPD handelt. Das Logo der SPD ist jedoch nicht zu finden.
Ganz in Blau präsentiert sich die AfD und mit den Worten „Berlin braucht klare Regeln und Berlin braucht Sicherheit“.
Frank Henkel lacht vom Plakat und trägt seinen (gesichtslosen) Junior Leo Huckepack. Andere CDU-Plakate vermitteln, dass die Partei starke Schultern hat und mit allen Problemen der Stadt fertig wird.
Völlig daneben finde ich diesen Text in luftiger Höhe an einer Laterne „Hier könnte auch ein Nazi hängen“ Damit wirbt die Partei. Wem fällt denn so ein Text ein? Das ist nicht geeignet für Laterne ganz oben sondern eher für Laterne ganz weit untern!

Heimat deine Sterne…
Wir schieben uns mit der Blechlawine im Schritttempo durch die Stadt. Zum Glück ist es in unserem Auto voll cool und bei 18 Grad lässt es sich gut aushalten. Unser Domizil für die nächsten Tage ist ein Vier-Sterne-Hotel, dem mindestens zwei abhandengekommen sind oder geschickt versteckt gehalten werden. Dafür liegt es aber total ruhig im Grünen und mitten in Charlottenburg.

Berlin ist meine Heimatstadt, in der ich rund sechs Jahrzehnte zuhause war. Da habe ich meine Kindheit und Jugend verbracht, den Mauerbau und Mauerfall live miterlebt, gearbeitet, geliebt und gerne gelebt. Da habe ich engagierte Politiker wie Willy Brandt, Egon Bahr, Richard von Weizsäcker kennengelernt, von ihnen und anderen gelernt, was Mut ist und was es heißt, in schwierigen Zeiten einen Arsch in der Hose zu haben.

Wenn ich früher mit heute vergleiche, ist der Maßstab ein anderer. Die charismatischen Typen an der Berliner Spitze und im Background sind wie weggeblasen. Mit Wowereit und Gysi zum Beispiel haben die letzten Exoten die politische Bühne verlassen und ihnen folgten blasse Gestalten, die nicht mit den Genen gesegnet sind, wie all ihre Vorgänger.

Mehr denn je fällt auf, dass sich die Bevölkerung Berlins im vergangenen Vierteljahrhundert total verändert hat. Ur-Berliner sind am Aussterben – Zugereiste aus anderen deutschen Landen, der EU und fernen Kulturen prägen die Stadt. Wowi hätte an dieser Stelle vermutlich zurecht gesagt: Und das ist auch gut so! Multikulti ist was Feines und gehört in eine Stadt wie Berlin, die schon in früheren Zeiten ein Schmelztiegel der Kulturen war und das nicht erst durch Krieg und Vertreibung zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Man darf also gespannt wie ein Flitzebogen sein, wie der Wähler am Wahltag die Wahl in Berlin entscheidet.

Weizenbier beim Steppentier
Die Temperatur steigt kontinuierlich an – unsere Vorfreude auf Freunde und Weggefährten auch. Biergarten mit kalten Getränken, unterm Sonnenschirm und alten schattenspendenden Bäumen war genau das Richtige für diese Tropentage. Was für die New Yorker der Central Park, ist für die Berliner der Tiergarten. Da lässt es sich bei diesem Wetter gut aushalten und außerdem bodenständig essen und trinken. Beim gefleckten langbeinigen Steppentier www.giraffe.de war’s einfach ideal und fast alle unsere Meetings finden dort statt. Gute Gespräche mit lieben Menschen – die Grundlage für gesellige Stunden und zu schönen Erinnerungen – was will man mehr?

Jasagen und weiter schwitzen!
Dann steht die Trauung eines Bekannten in Potsdam auf dem Zettel. Die Anreise im gekühlten Gefährt geht rasch, der Hitzeanstieg ebenfalls. Inmitten eines idyllischen Dorfplatzes erwartet uns ein ehemaliger Kirchenbau, der heutzutage im standesamtlichen Jasagen seine Aufgabe gefunden hat. Eheschließungen vom Fließband – jedenfalls heute! Ein Kommen, ein Gehen, viele geschniegelte Bräute, dazu aufgeregte und gestriegelte Neu-Ehemänner, vor Rührung tränenverdrückende Elternpaare, plärrende Kids und ein Caterer am Limit und genau wie sein Kühlschrank am Zusammenbrechen.

Lauwarmer Orangensaft, Wasser mit und ohne Kohlensäure und Rotkäppchen-Sekt sind zum Durstlöschen auf dem weißbespannten Tapeziertisch zum Zugreifen arrangiert. Die meisten Hochzeitsgäste greifen zu – lieber ein warmes Getränk als vor lauter Durst schlappmachen – lautet die Devise!

Dann sind unsere Brautleute dran. Er ist hippelig und hat bestimmt schwitzige Hände. Er wartet vorm Tisch der Standesbeamtin auf seine Zukünftige, die dann endlich hereingeführt und ihn filmreif anstrahlt und traditionell im übertragenen Sinn in seine Hände gelegt wird. Ein junger Mann singt das Halleluja, die Standesbeamtin waltet ihres Amtes, das Brautpaar sagt laut und vernehmlich ja, die Gäste sind ergriffen und klatschen, die Geige bekommt ihren Einsatz und das Tasteninstrument ertönt feierlich. Irgendwann ist diese Zeremonie vorbei und das junge Glück schreitet nach draußen und das große Wunschkonzert der Gratulationen beginnt. Tapfer halten die Frischvermählten in der Affenhitze ihre Audienz ab und alles ohne Getränke – egal ob kalt oder lauwarm, geschweige denn, was Flüssiges.

Hochzeitmachen ist toll aber auch anstrengend. Finden wir auch und verkrümeln uns in unser klimatisiertes Auto, starten durch und suchen nach einem Restaurant mit Toilette und kalten Getränken. Einige Zeit später treffen wir Freunde im Garten an der Havel und einem fröhlichen Nachmittag mit Grillwürsten steht nichts im Wege.

Alles in allem: Berlin und Potsdam waren eine heiße Sache aber auch für uns ein totales Highlight und auf der Heimfahrt stellen wir zufrieden fest, dass es absolut gut war, diese Reise gemacht zu haben, um all die Leute zu treffen, die wir getroffen haben.
04.09.2016