Die Berliner hatten nicht immer die Wahl

West-Berlin und Ost-Berlin gibt’s nicht mehr. Jedenfalls nicht offiziell. Warum sollte es diesen Unterschied auch noch geben? Keine Mauer – keine Grenze – keine Teilung – kein kalter Krieg. Berlin ist seit November 1989 die ungeteilte deutsche Hauptstadt und ein Touristenmagnet für Jung und Alt aus aller Welt. Das war nicht immer so.

Wenn man in West-Berlin in den fünfziger Jahren aufgewachsen ist, dann hat man gelernt, mit der einen oder anderen Katastrophe zu leben. Allerdings durfte man auch vom Beschützer-Gen der alliierten Schutzmächte profitieren und sich von Hacke bis Nacke sicher fühlen. Und das war gut so, denn in West-Berlin passierte viel. Und immer waren die Amerikaner, Franzosen und Engländer als sichtbare Schutzengel zur Stelle. Sie bewachten mit Argusaugen die sowjetischen Kollegen, die für den Ostteil der Stadt nach Kriegswirren und Teilung zuständig waren.

Auf den Seiten der Zentrale für politische Bildung kann man zum Beispiel über den 17. Juni 1953 lesen:
„Aus einem Arbeiterkonflikt entwickelte sich in wenigen Stunden ein politischer Aufstand, aus einem Arbeiterprotest wurde ein Volksaufstand – ein Aufstand für Einheit, Recht und Freiheit.“
Da schoss der Adrenalinspiegel der Berlin-Verantwortlichen drastisch in die Höhe und die Telefonleitungen nach Washington, Paris und London glühten. Fortan war der 17. Juni ein nationaler Gedenktag. Noch im gleichen Sommer wurde ein Flüchtlingsnotaufnahmelager in Marienfelde eröffnet, denn unzählige Menschenmengen verließen die DDR. Das wiederum hatte dann 1961 den Bau der Mauer in Berlin und der absoluten Teilung Deutschlands zur Spätfolge. Die DDR hungerte aus, während West-Berlin zur beliebtesten Stadt Deutschlands wurde.

In West-Berlin gab’s weder Wehrdienst noch Polizeistunde. Rund um die Uhr steppte der Bär in einschlägigen Amüsierecken der Stadt und die Wehrdienstverweigerer mit Personenbeförderungsschein fuhren die „Spät-Heimkehrer“ per Taxi ins heimische Bettchen.

Auch die Alliierten ließen es kräftig krachen. Die Amis veranstalteten jährlich ein Get-Together mit Berliner Eingeborenen in Form eines Volksfestes in Zehlendorf und die Franzosen ebenso in Reinickendorf. Die englische Militärparade fand immer zum (Sommer)-Geburtstag der Queen statt und zu diesem Highlight säumten Hunderttausende Einheimische die einschlägigen Straßen Berlins.

In Berlin traf sich Gott und die Welt, man gab sich die Klinke in die Hand. Jeder Politiker von nah und fern, der auf sich hielt, Bock auf Fotos mit Mauer und Brandenburger Tor im Background hatte, musste die Stadt einfach besuchen. Weltweite Publicity war ihm sicher, denn solche Bilder gingen um den Globus. Auch das berühmte Schöneberger Rathaus bot sich als geniale Kulisse an und bei dieser Location hat so ziemlich jeder John F. Kennedy vor Augen, der damals an dieser Stelle lauthals verkündete: Ich bin ein Berliner! Die durch Mauer und Stacheldraht eingekesselten Berliner jubelten ihm zu und trauerten um ihn, als er ein paar Monate später in Dallas erschossen wurde.

Für die 68er-Proteste der Jugend und der Studenten bot sich West-Berlin geradezu an. Hier konnte nach Herzenslust gegen den Vietnamkrieg und für den Weltfrieden oder die starren Regeln der Kirche demonstriert und protestiert werden. Eine ganze Generation brachte Veränderungen, hinterfragte die Vergangenheit, deckte den Muff von tausend Jahren unter den Talaren auf, hörte Beat-Musik, kleidete sich bunt, aufmüpfig, im Minirock und Hippie-Look, lebte nicht mehr die Konventionen der Eltern geschweige denn, die von Oma und Opa. In West-Berlin lieferten sie sich mit der Polizei regelmäßige Straßenschlachten und sowohl Gummiknüppel als auch Wasserwerfer kamen wie nirgendwo sonst zum Einsatz.

Manchmal fuhr man sonntags zum Kaffeetrinken mit dem von Papa geborgten Ford-Taunus nach Helmstedt. Trotz Grenzkontrollen, Geschwindigkeitsbegrenzungen und überkorrekte Vopos hielt man niemanden davon ab, diesen Trip spontan zu unternehmen. Auch waren Butterfahrten an die Ostsee eine beliebte Freizeitbeschäftigung für Berliner, die mal für einen Tag frische Luft außerhalb der Stadtmauern schnuppern wollten. Wer Lust hatte, konnte auch Erdbeeren frisch vom Feld bei Bauern in Gatow, Kladow, Rudow oder Lübars pflücken. Zum Bötchen- und Dampferfahren boten sich Wannsee, Tegeler See und Havel an und zum sommerlichen Badeausflug noch viele andere Seen und Flussufer.

In der geteilten Stadt war nicht alles schlecht. In West-Berlin gab’s Steuervorteile für alle, die dort arbeiteten, Firmen gründeten, Produktionsstätten dorthin verlegten. Für die reichen Westdeutschen ein wahres Steuerparadies, das wohlwollend von Bonn und der Regierung gefördert wurde. Wohnungsbau und Kulturveranstaltungen wurden subventioniert, natürlich aus Steuermitteln und das nicht zu knapp.

Genaugenommen war die pulsierende Stadt an Spree und Havel eine Insel der Glückseligen Wenn man begriffen hatte, dass – egal in welche Himmelsrichtung man blickt – überall Osten ist, konnte man dort sehr gut und behütet leben. Berlin lag auf dem Präsentierteller der Weltgeschichte. Dafür sorgten unter anderem der RIAS, der Sender Freies Berlin und etliche Zeitungen. In West-Berlin blieb nichts lange unter der Decke und geheim – oft war die große Stadt eben ein kleines Dorf.

West-Berlin war damals aufregend schön und spannend. Die Menschen in dieser Stadt waren Urgesteine und Besonderheiten, aber auch die Mustermanns von nebenan und die Neureichen in der Eigentumswohnung am Kurfürstendamm oder im Bungalow in Dahlem.

Heute ist Berlin eine Stadt, bestehend aus West, Ost, Süd und Nord, einem dicken Speckgürtel und dem Brandenburger Umland – eben Stadt, Land, Fluss. Neubauten aus blinkendem Stahl und glitzerndem Glas, die in den Himmel ragen, Blechlawinen, die die Straßen heillos verstopfen, hupen, stinken und lärmen.

Die Stadt ist Heimat für Wessis und Ossis, für viele Mitbewohner aus anderen Teilen der Republik, anderen Ländern und Kulturen. Das Stimmen- und Sprachengewirr erinnert vielerorts an die Vorkommnisse beim Turmbau zu Babel, welche im Alten Testament beschrieben werden.

Den Klang des West-Berliner Dialektes kann ich heute noch heraushören und den der Ostberliner ebenfalls – selbst wenn es diese geografischen Begriffe in der deutschen Hauptstadt nicht mehr gibt.

18.09.2016