Es ist ganz still, mucksmäuschenstill

Auf einmal ist alles duster und ganz still. Alle Telefone zeigen nichts mehr an, ebenso sind Fernseher und Radio tot. Nirgendwo leuchtet ein Lämpchen, weder rot noch grün, kein blaues kein gelbes weit und breit. Selbst im Kühlschrank ist die grüne Kontrollbirne aus und – was viel schlimmer ist – im Gefrierschrank auch. Nur das Klicken der batteriebetriebenen Uhren ist zu hören. Sonst ist es still, mucksmäuschenstill. Nunmehr seit zwei Stunden.

Woran mag’s liegen? Irgendwas in den eigenen vier Wänden? Nee, der Sicherungskasten ist okay, alle Hebel stehen so, wie sie sonst auch stehen und stehen müssen. Ob ich mal beim Nachbarn nachfrage? Sinnlos, keiner im Hause, alle sind ausgeflogen. Nur unser Auto steht einsam auf dem Parkplatz rum. Vielleicht sollte ich mal bei den Stadtwerken anrufen. Geht nicht, habe keine Telefonnummer und ins Internet komme ich auch nicht, dazu braucht’s ebenfalls Strom.
Mein lieber Scholli, wie abhängig man vom Strom ist!
Zum Glück hat mein Handy genug Saft – für den Notfall eben. Ich werde es sicherheitshalber mal gleich aufladen – man kann ja niemals wissen! Geht aber nicht ohne Saft!

Wo liegen eigentlich Kerzen und Streichhölzer? Manno, wo habe ich die neulich beim Aufräumen bloß gelassen? Na toll, und die Taschenlampe, wo ist die? Streichhölzer hatte ich früher immer zur Hand. Besser gesagt, das Feuerzeug, als ich noch zu den Rauchern gehörte. Irgendwo an zentraler Stelle in der Wohnung sollten wir mal eine Notfallkiste mit allem Klimbim hinstellen, so dass man alles zur Hand hat – eben genau für solche Notfälle!

Wie war das früher eigentlich als wir und unser Leben noch nicht „voll unter Strom“ standen? Als das Radio nicht den ganzen lieben langen Tag über dudelte, der Fernseher nur abends ab und an mal angemacht wurde, die nasse Wäsche auf die Leine kam und nicht in den Trockner und man für die Wetteraussichten in den Himmel guckte und nicht www.wetter.de anklickte. Die Uhrzeit wurde von der Standuhr abgelesen oder der Kuckuck im geschnitzten Heim verkündete sie lauthals, und zwar alles mechanisch und völlig stromlos. Damals war auch ein Gefrierschrank kein Haushaltsgegenstand für jedermann. Es war noch total in, Obst, Gemüse und Fleisch einzuwecken und nichts ins Frostige zu schicken. Glücklich schätzte sich der, der einen überaus kompakten Bosch-Kühlschrank sein Eigen nennen konnte. In der Regel war der auch noch abschließbar und das verwehrte nächtlichen Naschkatzen auf Beutezug den Zugang zu Leckerlis, die darin aufbewahrt wurden.

Abends traf sich die Familie im Wohnzimmer, redete über das, was der ausklingende Tag brachte und was morgen auf der to-do-Liste steht. Es wurde Mensch-ärgere-dich, Mikado oder Monopoly gespielt und man verzichtete locker auf die Jan Hofer’s der Welt, die gute und schlechte Nachrichten in der Tagesschau verkündeten. Und für all das benötigte man nur ganz wenig Elektrizität und im Sommer ohnehin weniger als im Winter.

Was war das? Ein vernehmliches Klicken und ein mehrstimmiges zartes Piepen höre ich. Oh, der Strom ist wieder da! Wie schön – keine Gefahr mehr für den Tiefkühler samt Inhalt. Und der Tatort aus Münster ist nun auch noch drin. Dann stell ich mal gleich den Geschirrspüler an, doch zunächst will ich nen Kaffee kochen, am besten einen Espresso – wozu haben wir die neue Maschine. Ach und dann muss noch die Wäsche mit den Oberhemden gewaschen werden, schließlich steht morgen Bügeln aufm Plan, aber erst wenn die Rinderrouladen im Schnellkochtopf schmoren. Dann muss ich für die neue Geschichte etliches im Netz recherchieren, Karin ne Mail schicken…und, und, und!
Vorm Einschlafen denke ich darüber nach, wie sehr wir doch abhängig sind vom Strom und dann fallen mir die Augen zu.