Und hinten sind wir noch lange nicht angekommen!

„Im Westen rotzig und trotzig – im Osten höflich und herzlich.“
So soll es Udo Jürgens vor vielen Jahren mal gesagt haben. Damit meinte er die deutsch-deutschen zwischenmenschlichen Entwicklungen nach dem Fall der innerdeutschen Grenze und der Wiedervereinigung. Der musste es wissen, der Mann ist viel rumgekommen und hat auch Deutsche hüben und drüben kennengelernt. Zwar überwiegend im Konzertsaal aber immerhin als Hauptperson. Auf ihn freuten sich seine Fans und für ihn haben sie einen ganzen Batzen Ost-Mark oder D-Mark ans Bein gebunden.

Udo Jürgens gibt’s nicht mehr – Deutsche in Ost und West, Nord und Süd jede Menge.
Vor 26 Jahren war die halbe Nation reineweg aus dem Häuschen, denn der erste große gemeinsame Feiertag für alle Deutschen stand bevor. Der Tag der Deutschen Einheit wurde am dritten Oktober 1990 feierlich begangen und bereits um Mitternacht zog man eine riesengroße schwarz-rot-goldene Fahne vorm Reichstagsgebäude am Fahnenmast hoch. Es läuteten Glocken, jede Menge Krokodiltränen wurden vergossen, millionenfach knallten Schampus- und Sektkorken – Deutschland jubelte und war eins. Der Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland – so hieß es damals offiziell – war vollzogen! Seither ist der dritte Oktober der nationale Feiertag der Deutschen – aller Deutschen. Dafür ging der siebzehnte Juni flöten, aber den gab’s ohnehin nur in den alten Bundesländern und im Osten wurde der siebte Oktober, der Tag der Republik ersatzlos aus dem Feiertagskalender gestrichen.

Ob Udo Jürgens damals den Ossis mit dem eingangs geschriebenen Zitat Sahne um die Schnute und den Wessis Rotz auf die Backe schmieren wollte, weiß man nicht. Lässt sich nun auch nicht mehr klären, aber so wirklich von der Hand weisen sollte man diese These nicht.

Die Menschen beider Staaten haben sich völlig unterschiedlich entwickelt und sozialisiert, auch wenn bei allen das Wort „deutsch“ in der Geburtsurkunde steht. Der flapsige Berliner Spruch „wie der eene kiekt, so sieht der andere aus“ trifft an dieser Stelle überhaupt nicht zu.

Die Kinderstuben waren sowas von unterschiedlich. Das kollektive Auf-Dem-Pott-Sitzen im Kindergarten war im Westen genauso wenig üblich, wie die Jugendweihe. Im Westen ging man entweder zur Kommunion oder zur Konfirmation. Für Ossis war FKK normal, Wessis ließen lediglich den Spießer raushängen.

Auf der einen Seite trällerte Frank Schöbel, trank Goldkrone und guckte Polizeiruf, auf der anderen Seite Frank Zander, der hatte Mariacron im Glas und Tatort auf dem Schirm.

Im Osten gab‘s kein Wahlergebnis wie gerade in Berlin. Da wählte man selbstverständlich die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands und gut war’s. Wahlergebnis und -beteiligung war immer zwischen 97 und 98 Prozent. Und damit an der Wahlurne nicht geschummelt werden konnte, hatte neben vielen Aufpassern auch der Blockwart ein zusätzliches Auge drauf. Der kannte schließlich alle Genossen und seine Pappenheimer persönlich. Der westliche Hauswart hingegen tauchte im Wahllokal nur auf, um selbst zu wählen, oder als offiziell bestellter Wahlhelfer und um beim bürokratischen Ablauf zu helfen.

Unzählige Unterschiede trennten beide Staaten. Das ist vorbei. Immerhin sind wir nun seit über einem Vierteljahrhundert ein Staat, ein Volk, eine Nation mit 80 Millionen Menschen und 16 Bundesländern – mit Malle sogar 17.

Die Nordsee, die Ostsee gehören nun allen, im Thüringer Wald wandern Sachsen und Niedersachsen, essen zur Stärkung Bratwurst und MeckPomm ist auch für Bayern ein beliebtes Urlaubsziel. Spreewälder Gurken, Havel-Zander, Berliner Buletten, Münchener Weißwurst, Dresdner Stollen, Schinken aus dem Schwarzwald, Kieler Sprotten und ebenso Frankfurter Würstchen – ob kurz vor Polen oder aus dem Land des Äppelwoi – aber meist mit Senf aus Bautzen – jeder genießt eben das, worauf er Appetit hat.

An vielen Ecken und Enden muss sich noch das eine oder andere zurechtschaukeln, aber wenn wir noch einmal 25 Jahre ins Land gehen lassen, dann ist die Mischung perfekt und es ist zusammen gewachsen, was zusammen gehört. So drückte es Willy Brandt damals aus und Helmut Kohl überzeugte mit seinem „Entscheidend ist, was hinten rauskommt“.

Und hinten sind wir alle noch lange nicht angekommen!