Frag nicht nach Sonnenschein!

Diese Aussage trifft auf so ziemlich alle Ereignisse, Erlebnisse und tägliches Einerlei zu und keineswegs beschränkt sie sich aufs Wetter.

Wenn du deinen Kumpel Paule triffst und fragst ihn: Na Paule, wie geht’s Dir? und er antwortet: Frag nicht nach Sonnenschein! dann weißt du sofort, irgendwas läuft bei ihm nicht rund. Vielleicht hat er Zoff mit seiner Frau, Stress im Job, eine teure Autoreparatur steht an oder es plagt ihn ein Zipperlein.

Am Stammtisch redest du mit den Leuten über die kürzlich erfolgten Wahlen in der Hauptstadt und die dort zu erwartende künftige Koalition, dann schlägt dir vermutlich ein bedenkliches Frag nicht nach Sonnenschein! entgegen. Und wenn das Gespräch gen AfD läuft, dann legt der eine oder andere Stammtischbruder seine Stirn in Falten und wiederholt die Feststellung: Frag nicht nach Sonnenschein!

Die Laubenpieper Karin und Bernd wuseln auf allen Vieren in ihrem Garten herum und Nachbarin Doris fragt: Was macht ihr denn da? und erhält die aufschlussreiche Antwort: Frag nicht nach Sonnenschein – wir sammeln hunderte von Nacktschnecken ein, die sonst den Salat auffressen…!

Auf dem Parkplatz bei Aldi springt dir der Nachbar über die Füße, den du schon wochenlang nicht gesehen hast und der blass aussieht. Was ist denn los Herr Nachbar? fragst du ihn und seine Antwort können Sie locker erraten – Frag nicht nach Sonnenschein! Wir waren ein paar Wochen auf Malle, aber da hat’s jede Menge Nasses von oben gegeben und die vielen Touris waren echt lästig!

Woher kommt diese Redensart? Volksmund? Synonym? Aber wofür? Wie so oft ist auch hier mal wieder der Volksmund der Urheber!

Wer diese Aussage macht Frag nicht nach Sonnenschein hätte eigentlich was Negatives zu erzählen, will es aber mit dieser Floskel abtun und nicht über seine Situation, seine Misere, sein Erlebnis reden. Der will es sozusagen unter der Decke halten, will nicht drüber reden, dass er einen Bock geschossen hat. Will nicht erzählen, dass er beim Anschließen der neuen Waschmaschine die Hütte unter Wasser gesetzt hat, der Boss ihm den Dienstwagen gestrichen hat, die Freundin alleine in Urlaub gefahren ist und der Doktor ihn zum Kürzertreten dringlich ermahnt hat.

Frag nicht nach Sonnenschein ist auf alle möglichen Lebenslagen und Vorkommnisse anwendbar. Wenn die Sozis mit ihrem Vorsitzenden und Vizekanzler Gabriel grollen, rutscht dem einen oder anderen Genossen schon mal dieser Spruch raus. Keine Angst, auch in Merkels Dunstkreis klingt’s nicht besser! Und beim Thema AfD schnaufen viele Menschen laut hörbar durch die Nase.

Viele Definitionen kann die Frage nach dem Sonnenschein ans Tageslicht fördern, aber der Anwender dieser Floskel hat allemal was zu berichten, was ihm absolut nicht schmeckt und ihm total gegen den Strich geht, was er möglicherweise auch lieber für sich behalten will.

Und wenn dann der November mit viel Feuchtigkeit, Sturm und weiß der Teufel was für Wetter draußen wütet, dann kann man lange nach Sonnenschein fragen und sich bis zum Wiederauftauchen der goldenen Strahlen im warmen Stübchen mit heißem Tee und Pfefferkuchen die Zeit vertreiben.