Weinprobe beim Discounter

Dass ick meene Arbeit bei Lidl liebe, weeß eijentlich jeder und dass mich so schnell nüscht aus der Ruhe bringt ooch. Aber manchmal jehen die Pferde denn doch mit mir durch. Zum Beispiel jestern.

Da steht eene flotte Lady mittleren Alters, mit Schmuck behangen wie een Christbaum am heilijen Abend, knallrote Fingernägel, rosa Seidentuch um den Hals, rote Ballerinas anne Füße inne Obstabteilung bei den Weintrauben. Momentan ham wa so etliche Sorten im Anjebot – is ja ooch die optimale Saison für die kleenen Früchte. Gnädije Frau greift mit spitzen Fingern erst zur kernlosen dicken Sorte, pflückt welche ab, steckt sie in den rotgeschminkten Mund und kaut genüsslich. Dann greift sie zur nächsten Sorte, die klein und gelblich sind, dann zu den roten dicken und danach zu den kleenen Sultaninen. Die Dame gestaltet ihre ausgiebige Weinprobe mit der Ruhe eenes Mottenscheißers!

„Na junge Frau schmeckt“s denn ooch?“ frage ick dett freche Früchtchen.
„Bei den Preisen darf man ja wohl noch mal kosten!“ antwortet die Dame äußerst pikiert.
„Das ist Diebstahl, meine Dame!“
„Nu werden Se mal nich ulkig, Frollein“ sagt sie und verlangt nach dem Geschäftsführer.

Leider sind solche Erlebnisse keene Eintagsfliejen – da könnt ick Ihnen Jeschichten erzählen und stundenlang aus’m Nähkästchen plaudern. Aber dett lass ick mal lieber. Und wissen Se watt, meistens is dett die sojenannte gutsituierte Kundschaft, die unanjenehm ufffällt. Die, die uff den Pfennig kieken müssen, machen sowatt nich!

Früher nannte man dett übrijens Mundraub. Den Paragrafen hat man aber inzwischen abjeschafft und die meisten Einkoofsketten bringen sowatt ooch nich mehr zur Anzeige. Is viel zu viel Papierkram und dett is die Sache nich wert und somit wird so een Mundraub eben kulant behandelt. Aber dett sind schon janz schöne Mengen, die da tagtäglich ohne zu blechen im Bauch der Kundschaft landen!

Aber lassen wa dett Thema, ich muss ma noch een bisschen uffhübschen, denn meene Kinder wolln mit mir zum Türken zum Essen jehen. Also tschüss und macht’s juut Nachbarn!