Tante Hanna aus Havanna

Mit dieser Tante kann ich nicht aufwarten, aber dafür mit Tante Hilde die Wilde aus Neuruppin! Diese Tante ist mir gut in Erinnerung geblieben, denn sie rockte unsere Familie in den fünfziger Jahren kräftig.

Ihre Körperlänge betrug zirka einen Meter fünfzig, ihr Gewicht so etliches über zwei Zentner und ihr Lebensalter war undefinierbar. Die einen hielten sie für jünger als Ende dreißig und die anderen waren davon überzeugt, dass sie bereits die Fünfzig überschritten hatte. Sie war ein flotter Käfer. Geschminkt und mit falschen Wimpern – die man damals Fliegenbeine nannte – tiefroten Lippen und ebensolchen Fingernägeln gefiel sie der männlichen Sippe absolut top, während die weiblichen Pendants Hilde eher misstrauisch beäugten. Sie tanzte Bebop, Rock’n Roll, Twist und Hully Gully – und andere Hottentotten-Musik, wie die Familie meinte – genauso gut wie Walzer, Foxtrott und Tango.

Sie war absolut kein Kind von Traurigkeit und auch ihre füllige Figur mit dem stattlichen Vorbau versteckte sie mitnichten. Und wenn auf Familienfesten oder anderen Feiertagen das Tanzbein geschwungen wurde, waren geradezu biblische Verhältnisse vorzufinden, denn die sonst so lahmen und rheumatischen Herren konnten sich wieder flott bewegen.

Tante Hilde nähte sich ihre Klamotten auf ihrer Singer-Nähmaschine selbst. Dafür bestellte sie regelmäßig Stoffe bei einem westdeutschen Versandhaus, die meistens knallbunt waren oder so richtige Hingucker in uni. War damals zumindest sehr exotisch, denn Damen ihres (unbekannten) Alters kleideten sich wesentlich dezenter.

Solche Typen wie Tantchen sah man nicht alle Tage und irgendwie passte sie auch gar nicht so richtig in das gerade erst wieder aufstrebende West-Berlin der Nachkriegszeit. Aber was sollte man als Familie dagegen machen? Onkel Bruno hatte sie nun mal in Neuruppin auf einem Tanzvergnügen erst kennen- dann lieben gelernt, besser gesagt: er war verknallt bis über beide Ohren in sie. Sie war übrigens die verwitwete Nachbarin von Onkel Fritz. Bruno und Fritz waren Schulfreunde, gingen oft gemeinsam zum Angeln, Radfahren und hin und wieder auch mal zum Tanzen.

Erst lebten Bruno und Hilde in wilder Ehe zusammen und als sie einen Braten in der Röhre hatte – sie war einfach nur schwanger – wurde ratzfatz geheiratet. Die Familie stand Kopf! Bruno war bis 1950 glücklich – so vermuteten jedenfalls alle – mit Gerda verheiratet, die dann mit dem ledigen Gemeindepfarrer durchbrannte, mit dem sie schon jahrelang ein Verhältnis hatte. Durch einen dummen Zufall war dieses Geheimnis seit dem Heiligabend-Gottesdienst 1949 schlagartig keines mehr und bereits ein paar Monate später waren Gerda und Bruno geschieden.

Tante Hilde schenkte ihrem Bruno einen kleinen Ferdinand, den alle Welt Fredi nannte. Onkel Bruno kümmerte sich meistens alleine um den Nachwuchs, während Tante Hilde ihren Hummeln im Hintern Ausgang gewährte und selten zuhause war.

Damals gab es in West-Berlin und Ost-Berlin unterschiedliche Währungen – die eine stabil und begehrt und die andere genau das Gegenteil. Somit blühte der Handel mit Dingen des täglichen Lebens zwischen Ost und West wie verrückt. Das war für viele Menschen ein lukratives Geschäft, so auch für Tante Hilde. Die tauschte und dealte was das Zeug hielt und sie war gut darin, sagte die Familie. Sie rubelte alles um, verkaufte alles und drehte anderen Leuten jeden Mist an und schleppte Wertvolles nach Hause. Sie kam in der Stadt ziemlich weit herum, pflegte alte Kontakte, baute neue auf und lernte auch Hinz und Kunz kennen. So auch eines Tages den Pelzhändler Viktor aus Wannsee, der dort in einer luxuriösen Villa mit Hauspersonal und Chauffeur wohnte. Tante Hilde war Herrn Viktor auf Anhieb sympathisch und er musste sie vermutlich nicht lange bitten und betteln, zu ihm zu ziehen.

Tage später fuhr der Chauffeur sie im Opel-Admiral nach Spandau und sie redete mit dem völlig am Boden zerstörten Onkel Bruno Tacheles. Das war das letzte Mal und seither lebten Onkel Bruno und Klein-Fredi alleine und ohne Frauen in der nicht so komfortablen Gartenlaube mit Plumpsklo, Kräuterbeet, vier Hennen, dem Hahn Friedrich und Ziege Auguste.