Leben für ein Maximum an Perfektion

Weiter, höher, schneller, sauberer, jünger, schöner, größer, teurer. Wir leben im Zeitalter der Superlative – und alle machen mit! Es gibt kaum noch irgendwelche Lebensbereiche, die das nicht betrifft.

Die Sportler der Antike kämpften mit Pfeil und Bogen, und ganz ohne Wundertrank, nicht wie bei Asterix und Obelix. Zur einmonatigen Vorbereitungszeit auf die Spiele gehörte das Trainingslager inklusive Massagen und Vollpension mit Gerstenbrot, Weizenbrei und getrockneten Früchten. Überragende Athleten wurden gefeiert und der Rest der Kämpfer – nun ja, nichts Genaues weiß man nicht, aber hungrige Löwen mussten auch gefüttert werden!

Im Sport heutiger Tage ist Doping zwar verboten, aber ohne bunte Pillen wird kein Blumentopf mehr gewonnen – so ist jedenfalls den Eindruck. Lange Listen geben Auskunft darüber, was in welcher Sportart mit welchem Mittel erlaubt und verboten ist und schon das ist doch eigentlich makaber. Wären denn Fußballer, Leichtathleten, Radfahrer, Boxer, Schwimmer und andere Sportler nicht viel glaubhaftere und größere Helden, wenn sie ohne Doping auskämen? Eben ganz nach dem Motto: der Stärkere, der Schnellere, der Bessere gewinnt!

Mit der Schönheit und dem Alter ist das in unserer Zeit auch so eine Sache. Jugendlich schön zu sein und auch bis ins hohe Alter zu bleiben, ist das Ziel vieler Menschen. Kleine Korrekturen in Gesicht und am Körper gehören zum guten Ton und werden kurzerhand von Fachleuten schnell und hoffentlich unproblematisch ausgeführt. Der Damenbart wird dauerhaft mit Laserstrahlen entfernt, die Besenreiser an den Beinen und Oberschenkeln ebenfalls. Botox wirkt Wunder wenn’s um Falten geht oder um zu schmale Lippen. Haarverlängerungen führt der Coiffeur an der nächsten Straßenecke aus, während der Schönheits-Chirurg in seiner feudalen First-Class-Klinik für die Straffung von Bauch und Busen und weitere körperliche Veränderungen seine Messer wetzt.

Selbst bei freiverkäuflichen Arzneimitteln konkurrieren die neue Generation der Säfte, Rheumasalben, Schmerztabletten und andere Präparate mit dem Hinweis „verbesserte Rezeptur“ mit der bisherigen. Das Deodorant muss nun nicht täglich nach dem Duschen erneuert werden – eine Sprühladung reicht für achtundvierzig Stunden Frische am Stück!

Im Supermarkt steht es uns frei, eine einfache Tütensuppe von Knorr zu kaufen, uns für die Variante Knorr-Suppenliebe, Knorr-Natürlich lecker oder die Knorr-Feinschmecker-Suppe zu erwärmen. Also lecker, schmackhaft, ein Genuss – auch wenn’s aus der Tüte kommt?

Gehören wir zu den Otto Normalverdienern mit Familie erkennen wir sehr bald, dass größer, schöner und teurer den Wettbewerb auch von Bauherren bestimmt. Mit sozialem Wohnungsbau hat das alles nichts mehr zu tun – eher mit dem Service für Broker, Yuppies, Models und anderen Besserverdiener. Wer also kein Geld hat, hat auch keine Chancen und muss sich mit der Wohnung in der Platte oder jwd begnügen.

Schon die Kleinsten bekommen Druck in der Schule, denn wenn die Benotung nicht hinhaut, rückt das Abi in weite Ferne und an einen Studienplatz und eine Position im gutverdienen Teil der Gesellschaft ist nicht zu denken. Drum heißt es, büffeln, pauken, sich auf den Hosenboden setzen, um nicht zu versagen. Lehrer fordern, Eltern fördern – sofern die finanziellen Möglichkeiten es erlauben. Wenn nicht?
Also: Weiter, höher, schneller, sauberer, jünger, schöner, größer, teurer – oder wir sind raus, bevor wir eine Chance hatten drin zu sein!