Poesie und ein bisschen Drumrum

Onkel Emil und Tante Hanna haben es mir zum zehnten Geburtstag geschenkt und ich war stolz wie Bolle. Endlich hatte ich auch so ein Buch! Die älteren Mädchen in meiner Schule hatten alle eines und immer dabei. In den Pausen auf dem Schulhof, beim Sport in der Turnhalle und sogar am Badestrand durfte es nicht fehlen. Mein neues Buch hatte einen ziemlich stabilen rosaroten Einband, einen hörbar klickenden Verschluss und ganz viele – noch leere – weiße Seiten. Mein erstes – und einziges – Poesiealbum!

Ich hütete es wie meinen Augapfel und manchmal nahm ich es mit ins Bett und legte es unters Kopfkissen. Schließlich musste ich gut nachdenken, wer sich darin verewigen durfte und wer nicht. Also meine doofe Kusine Gitta soll bloß nichts reinschreiben, geschweige denn, das Geschriebene darin lesen. Die macht sich vermutlich über die Eintragungen lustig und ist sauer, weil sie selbst so ein Album niemals hatte. „Ich bin schließlich ein Kriegskind und da gab es sowas nicht, auch kein Puppenhaus, keinen Kaufmannsladen. Damals war ich dankbar, wenn’s was zu essen gab…“ ist ihr Standardspruch – den konnte ich auswendig beten! Also die kriegt es jedenfalls nicht zum Einschreiben!

Christine und Gabi kamen auch nicht in die engere Wahl, denn die beiden Nachbarskinder klauten mir regelmäßig Murmeln, Puppenkleider und andere Spielsachen.

Und meine Oma ist viel zu altmodisch, die schreibt vielleicht so einen belämmerten Spruch wie „Sei wie das Veilchen im Moose, sittsam, bescheiden und rein und nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein.“ Das ist ja nun wirklich aus dem letzten Jahrhundert und klingt nach Mädchenpensionat – sowas soll nicht drinstehen!

War gar nicht einfach, die richtigen Leute auszuwählen, die sich verewigen durften. Die anderen Mädchen – also zumindest die, die durch Eifer und Strebsamkeit bei mir und anderen Klassenkameraden nicht sehr beliebt waren – haben ihr Album auch den Lehrerinnen und Lehrern gegeben. Die schrieben dann Sprüche rein, die ich kein bisschen wollte: „Das Auge klar, die Rede wahr, die Seele rein – so soll dein Leben sein! Außer Herr Nagel, der Sportlehrer, der schrieb nicht schmalzig und seine Sprüche waren richtig beliebt: „Dein Leben sei fröhlich und heiter, kein Leiden betrübe dein Herz. Das Glück sei stets dein Begleiter. Nie treffe dich Kummer und Schmerz.“ Die Schärfste aber war Fräulein Lück, unsere Religionslehrerin. Wenn die ihren Namen nennen musste, dann sprach sie mit sehr leiser Stimme: „Mein Name ist Glück, aber ohne G!“ Über das Fräulein Lehrerin mussten wir alle immer tierisch lachen und als wir in die Pubertät kamen, war sie für uns hochgradig peinlich, altmodisch und aus heutiger Sicht tat sie mir leid. „Durchwandle froh und heiter dein Leben Jahr für Jahr. Gott sei dein Begleiter, der Himmel immer klar.“

Onkel Werner, mein Patenonkel, machte den Anfang und sein Vers ging so: Algebra, Physik, Chemie – mancher denkt: das lern ich nie! Doch mancher, der so dachte, später auch Karriere machte! Der war ein toller Typ, aufgewachsen im zerbombten Berlin, seine Mutter und Oma waren Trümmerfrauen und der legte ne echte Karriere bei Siemens als gut bezahlter Konstrukteur in der Galvanik hin. Seine Ehefrau Hedwig, eigentlich eher schüchtern, aber mit dem einen oder anderen Likörchen intus, zum Kaputtlachen witzig. Sie schrieb diesen Reim: „Arbeite ruhig und gediegen, was nicht fertig wird bleibt liegen. Halte stets die Ruhe heilig, nur Verrückte haben’s eilig!“ Die beiden Kinder von ihnen waren auch nicht ohne und von denen waren diese Weisheiten: „Bleibe lustig und stets froh wie der Mops im Paletot. Lebe glücklich und zufrieden, bis dass der Floh kriegt Hämorriden.“

Dann kam die Pubertät auch zu mir und mir war es total wichtig, dass sich auch Jungs in meinem Poesiealbum verewigten. Mein erster Schwarm war Harald – blond, pickelig, ohne Freischwimmerzeugnis, dafür aber ein begnadeter Fußballspieler – sagte mein Vater. Harald war ein Vollpfosten, wenn’s um die deutsche Sprache ging. Auf dem Zeugnis stand eine Fünf und in meinem Büchlein das: „Die Schuhle mit dier war ser schöhn. Vihleicht wehrden wir uns bald mahl widersehn!“ Wollte ich von ihm Liebesbriefe bekommen? Nee, kein Stück! Erst entfernte ich Harald aus meinen Gedanken, dann die Seite aus meinem Album, was übrigens eine Sauarbeit war und äußerst zeitaufwendig. Der nächste Kandidat war Jürgen. Der verließ mit sechzehn Jahren die Schule, besaß ein Kofferradio, machte eine Schlosserlehre, hatte immer schmutzige Hände und dreckige Fingernägel. Trotzdem: ich fand ihn einmalig und seinen Freund Kalle auch. Kalle war so ein richtiges Raubein, zwei Jahre älter, hatte schon Führerschein und ab und zu mal den Opel seines alten Herrn unterm Hintern. Das imponierte mir und beide waren Kandidaten fürs Album. Jedenfalls war das mein Wunsch. Allerdings hatten die es nicht so mit der Poesie, nahmen vom Schreiben Abstand, luden mich aber dafür zum Pizzaessen ein. Pizza to go vom Pizzabäcker am Theater des Westens war damals der absolute Renner. Hin und zurück wurde ich natürlich im Opel chauffiert.

Freundin Marion schrieb mir folgenden Spruch ins Album: „Du wirst im Leben viel erreichen, darfst nicht vom richtigen Weg abweichen. Ich wünsche dir von Herzen Glück, denk manchmal an unsere Jugend zurück.“ Marion war ein liebes Mädchen, schüchtern, ängstlich, ohne eigene Meinung, niedlich, naturblond mit Locken und blauen Augen. Ihr Lebens-Sinnspruch war das Zitat vom Altmeister Goethe: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Sie heiratete mit einundzwanzig und setzte gemeinsam mit Raubein Kalle vier Kinder in die Welt, sie bauten ein Haus und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute! Bei den Beiden verlief alles unspektakulär aber nach Schema Effeff. Marions Vater war übrigens Bestatter, so schockierte es sie nicht sonderlich, als er irgendwann viel zu früh aus dem Leben schied. Schließlich kannte sie das Zeremoniell von Kindesbeinen an.

Meine beste Freundin Hannelore brauchte ein geschlagenes Vierteljahr, um einen Vers in mein Album zu schreiben. Tatsache war aber, dass Lumpi, ihr dämlicher Feld-Wald-und-Wiesen-Mischling, sich das Teil geklaut und unterm Sofa versteckt hielt. Eingestaubt und angeknabbert bekam ich mein geliebtes Buch nach dem Frühjahrputz mit folgendem Eintrag zurück: Ich bin nicht Goethe, bin nicht Schiller, schreibe nicht wie Gustav Müller, schreibe einfach nur so hin, weil ich deine Freundin bin!“ Außer Oma Else wusste niemand, dass Gustav Müller der Mitbegründer des Ost-Berliner Kabaretts Die Distel war.

Mein rosa Album hatte nach diesem Zwischenfall die besten Tage hinter sich – jedenfalls von außen. Wenn ich es an Auserwählten weiterreichte und um Poesie bat, dann beäugte man es misstrauisch, denn die verlorene Schönheit war offensichtlich und schreckte scheinbar ab. Also brauchte ich eine andere Strategie, wenn ich auf Sprüchefang ging. Ich erzählte eine haarsträubende, ergreifende Story, warum das Büchlein ein so unschönes Äußeres hat. Meine Geschichten wurden durch meine große Kreativität beim Erzählen gespeist, aber immer kamen ein riesengroßer zottiger Hund mit bösen Augen, borstigem Fell und die vierjährige blond gelockte Nachbarstochter vor. Die habe ich vorm Zugriff des Vierbeiners bewahrt und anstatt der Lütten erlitt eben das Poesiealbum einige Blessuren. Das machte gewaltigen Eindruck und alle, die davon hörten, wollten sich mit einem geeigneten Vers im Buch verewigen.

Irgendwann hatte mein Poesiealbum die Seiten voll und ich die Nase von ihm. Der Hype war sozusagen vorüber und andere Dinge erschienen mir wichtiger und die hatten dann nichts mehr mit klugen Weisheiten und Sinnsprüchen fürs Leben zu tun und ich hakte das Kapitel „Poesiealbum“ für lange Zeit ab.