Tigi und die Weihnachtsbäckerei

„Mensch Tigi, was soll das denn! Entweder rein oder raus und Tür zu, aber nicht immer hin und her!“

„Ja, das geht aber nun mal nicht anders. Ich und Flitzpiepe waren einkaufen und jetzt wollen wir Adventskalender basteln und da müssen wir erstmal alles reinbringen!“

„Nee mein Freund, hier drinnen wird nicht gebastelt! Du machst doch den Dreck hinterher nicht wieder weg und Flitzpiepe schon gar nicht. Oder haste schon mal ein Eichhörnchen mit Putzlappen oder Staubsauger gesehen?“

„Man ey, nie darf ich was! Immer dasselbe Theater mit dir, immer verbietest du mir alles, niemals darf ich meine Kreativität ausüben! Das sage ich Wolfi, wenn er nach Hause kommt! Und Weihnachtsgeschenke kannste dir auch abschminken, will ich dir mal sagen!“

„Na dann geht doch in den Keller, da habt ihr Platz ohne Ende und da müsst ihr hinterher nur die Tische abwischen und den Boden fegen. Und vor allem seid ihr da niemandem im Wege!“

Es kracht, rumst und knallt heftig. Dann ist Tigi weg und es herrscht Ruhe im Karton. Nichts ist zu hören und das nun schon seit über zwei Stunden. Mucksmäuschenstill – obwohl Tigi zuhause ist? Da will ich doch lieber mal nachsehen, was Tigi und seine Freunde so machen.

Schon auf der Treppe treffe ich auf rote Papierschnipsel, goldenes Packpapier und eine Rolle silbernes Geschenkeband. Im Keller ist alles ruhig, kein Tigi zu sehen und Flitzpiepe auch nicht. Wo sind die denn bloß?

Aber was ist da beim Nachbarn geraderüber los? Weihnachtslieder und lautes Gelächter sind zu hören, zarter Plätzchenduft steigt mir in die Nase. Na da geh ich doch mal rüber und…

„Hallo Frau Nachbarin! Kommen Sie doch mal rüber, wir feiern ein bisschen Advent! Die Vierbeiner sind auch alle hier und sogar Gerda hat heute Nachmittag ihre Flugschule geschlossen und hackt Nüsse für die Plätzchen. Tigi schmeckt ununterbrochen den Teig ab und ich wette, dass es nicht mehr lange dauert und er hat Bauchpiepen!“

Flitzpiepes Großeltern sitzen auf der Couch, trinken Tannenzapfenlikör und diskutieren heftig darüber, dass ihr Enkel auch nicht mehr das ist, was man sich unter einem standesbewussten Vertreter ihrer Gattung vorstellt. „Früher“, so sagt Opa Eichkater, „haben wir unsere Nüsse und Eicheln selbst im Wald gesucht und im Winterlager versteckt. Aber die Jünglinge heutzutage stecken einen Chip in den Einkaufswagen bei Lidl oder Aldi und kaufen sich Erdnüsse und Walnüsse – sozusagen von der Stange und bezahlen mit ihrem Taschengeld – Taschengeld, wo gibt’s denn sowas – an sowas hätten wir nicht mal im Traum gedacht!“ empört sich Opa. Oma Eichkatze nippt am Likörchen und schaut ihren Mann verliebt von der Seite an: „Schade, dass es das bei uns nicht schon gab. Stell dir mal vor, Männe, wie viel Zeit wir beide miteinander im gemütlichen Baumstamm hätten verbringen können – und das Jahr für Jahr…!“ und ihr Fell färbt sich noch ein wenig rotbrauner als ohnehin. „Und überhaupt, einen Tiger zum Freund, der auch noch Vegetarier ist – all dieser neumodische Kram…!“ „Ach mein Karli, nu lass doch die jungen Leute in Frieden. Bist wohl ein ganz klein bisschen neidisch, dass die heute so viele Freiheiten haben. Rück mal nen Stück näher ran und trink nen Gläschen mit mir!“

Inzwischen zanken sich Flitzpiepe und Tigi darüber, wer mehr Teig genascht hat und wie viele Plätzchen mit Zuckerguss und mit Schokolade am sinnvollsten sind. „Wenn du mit deiner Nascherei so weitermachst, dann bleibt nichts mehr übrig für Schokokekse. Nussecken müssen wir auch noch machen, die sind für mich, Tiger essen sowas nicht…“ stänkert Flitzpiepe. „Nee, kommt gar nicht infrage, dann latsch doch noch mal zu Lidl und hol dir deine doofen Nussecken. Dann kannste mir gleich noch Schokonikoläuse mitbringen. Hab ich vergessen, will ich aber den beiden Feldmäusen Egon und Irmgard ins Nest legen. Die mit ihren vielen Blagen und der Riesensippe – die haben es ja schließlich auch nicht so dicke!“

„Man, dann geh doch alleine einkaufen. Hast sowieso viel mehr Taschengeld und längere Beine. Oder fahr einfach mit deinen Leuten mit, dann musste weder bezahlen noch schleppen!“

„Tigi, Flitzpiepe, jetzt reißt euch mal ein bisschen an den Riemen. Ihr seid hier beim Nachbarn zu Besuch und da solltet ihr euch anständig benehmen. Und nun fangt mal so langsam an, euer Schlachtfeld aufzuräumen und dann ab nach Hause!“

„Tschüss Herr Nachbar, war schön bei dir. Vielleicht komm ich morgen wieder – bis dahin wirst du deine Küche ja wohl wieder in Schuss haben – oder?“ sagt Tigi und machte sich auf den Heimweg, plumpste in seinen Stresslesssessel und mit lautem Baugrummeln schlief er ein.