Guten Tag Herr Doktor

erinnern Sie sich noch an mich? Ich bin Ihr OP-Zwischenfall vom 10. Dezember 2014!
Ja, mich gibt es noch und ich stehe und laufe wieder auf eigenen Füßen. Es war ein weiter, beschwerlicher und auch ein aufwändiger Weg bis hierhin, aber ich bin ihn erfolgreich gegangen. Das klappte nur, dank der aufopfernden Hilfe meines Mannes und meiner überaus kompetenten medizinischen Begleiter. Die Begleiter waren eine Physiotherapeutin und ein niedergelassener Chirurg. Doch nach einem Crash – wie ich ihn leider erleben musste – bleibt immer was zurück. Aber das werden Sie als Mediziner viel besser wissen.

Doch gestatten Sie mir, das Rad nochmals zurückzudrehen und den kleinen Ausflug in die Vergangenheit anzutreten. Denken wir einfach, es ist der bewusste Tag im Dezember an dem ich einen neuen Defi bekommen sollte! Und gleichzeitig sollte das eine „Kabel“ besser am Herzen platziert werden.

Doch dann gab’s den OP-Zwischenfall. Tot soll ich gewesen sein. Warum? Wie lange? Was ist passiert? Das können nur Sie und Ihr OP-Team beantworten. Man hat mich wiederbelebt und es hat geklappt. Bei diesen Anstrengungen sind einige meiner Rippen – es waren wohl sieben an der Zahl – zu Bruch gegangen. Ebenfalls hat meine linke Schulter kräftig was abbekommen, die im Gegensatz zu den Rippen ihre alte Beweglichkeit nicht wieder erlangt hat – bisher jedenfalls nicht.

Mit vereinten Kräften haben Sie und Ihr Team mich dem Gevatter Tod entrissen und ich war wieder zurück im Leben. Anfangs hing alles am seidenen Faden, so sagte man mir später. Doch nach drei Wochen im Koma auf der Intensivstation wurde ich und mit mir meine Lebensgeister geweckt. Silvester ist der Tag meiner ersten Erinnerungen, sagt mein Mann, der fast durchgehend in diesen Wochen an meinem Bett saß. Also Jahreswechsel auf der Intensivstation! Es gab Sekt und Bier – alkoholfrei versteht sich – aber total lecker, wie ich mit eigenen Lippen und eigener Zunge schmecken durfte.

An mehr kann ich mich nicht erinnern. Außer an total wirre Träume und außergewöhnliche und furchteinflößende Erlebnisse im Schlaf oder im Traum, die ich bis heute nicht verdaut habe. Vielleicht auf der Grenze zwischen Leben und Tod, vielleicht hervorgerufen durch die Medikamente? Wer weiß das schon – wissen Sie es Herr Doktor?

Ab wann war ich eigentlich wirklich wieder im Leben? Keine Ahnung! Mir ist das Zeitgefühl abhanden gekommen.

Doch dann rollte man mich im Bett von der behüteten Intensivstation in die Realität des normalen Krankenhausbetriebes. Es war laut, Türen knallten, Pflege- und Putzpersonal klirrten, klapperten, polterten lauthals und stimmgewaltig ins Krankenzimmer und wieder raus. Ruhe und Schlaf waren Utopie – und ich sehnte mich so sehr danach!

Schnell merkte ich, dass ich weder Arme noch Beine bewegen und somit auch nicht alleine ins Bad gehen konnte. Kein Toilettengang, keine noch so kleine Katzenwäsche, kein Zähneputzen und auch kein Essen ohne Hilfe! Meine Muskeln waren schlaff wie nasse Mehlsäcke. Die hatten vergessen, was sie vorher konnten, sie müssen ihre Aufgaben erst wieder lernen.

Also musste ich nach dem Pflegepersonal klingeln, wenn ich konnte und was wollte. Manchmal kamen sie, meistens nicht. Oftmals kam ich nicht an die Klingel, denn mein Nachttisch, an dem sie befestigt war, war unerreichbar weit entfernt – jedenfalls für mich und meine nicht zu gebrauchenden Arme. Das Essen stellte man mir auf den Nachttisch, an den ich mal leicht und meistens gar nicht rankam. Und kam ich ran, konnte ich weder einen Löffel halten, geschweige denn, mit Messer und Gabel hantieren. Beim Abräumen wurde ich täglich gefragt, warum ich denn nicht esse, ob’s mir wohl nicht schmeckt?

Einmal lag ich auch stundenlang in meinen eigenen Exkrementen, bevor jemand vom Personal auf mein Klingeln und mein Bitten zur Toilette zu müssen, reagierte. Alles keine schönen Erinnerungen, wie Sie sich vorstellen können.

Doch glücklicherweise war da mein Mann. Der brachte mir frischen Kaffee, Croissants, Eis, frisch gekochte Hühnerbrühe und Obst ans Krankenbett. Er fütterte mich wie ein Kind, versorgte und tröstete mich und verhinderte, dass ich mit Medikamente ruhiggestellt wurde, dafür aber Schmerzstillendes bekam. Schließlich bettelte ich ihn solange an, bis er einwilligte, mich aus dem Krankenhaus nach Hause zu holen. Auf eigenen Wunsch natürlich, wie es im Fachjargon heißt.

Bevor ich das Krankenhaus verließ, besuchten Sie mich, Herr Doktor, um mit mir ausführlich über die vergangenen Wochen zu reden. Sie waren sichtlich betroffen und Sie betonten mehrfach, wie leid Ihnen das Geschehen tut und ganz besonders die Tatsache, dass Sie mir „drei Wochen meines Lebens gestohlen haben“! Eine nette Geste von Ihnen, aber wirklich einschätzen konnte ich das damals überhaupt nicht, denn damals ging es mir schlecht, richtig schlecht und ich hatte andere Sorgen und starke Schmerzen.

Heute kann ich nur sagen: Falsch Herr Doktor! Sie haben mir viel mehr geklaut als nur drei Wochen. Definitiv einen weitaus größeren Teil meines Lebens haben Sie mir und auch meinem Mann gestohlen! Bis mein Mann und ich so einigermaßen wieder zum normalen Alltagsgeschäft übergehen konnten, dauerte es lange, sehr lange, viele lange Monate. Lange und auch bange Monate unter denen mein Mann und ich litten und wir beide sehr verzweifelt waren. Können Sie sich vorstellen wie es ist, wenn man nur Schmerzen hat? Wenn man spürt, dass man niemals wieder die Kondition und Fitness erreichen wird, wie vor dem OP-Zwischenfall?

Erst zuhause haben wir in aller Deutlichkeit begriffen, was ich mir für Kollateralschäden im Krankenhaus eingehandelt hatte.
Am rechten Handgelenk prangte eine Riesenwunde. Da hatte irgendwer auf der Intensivstation nicht die Vene getroffen, sodass die Flüssigkeit unter die Haut lief. Die Stelle war schwarz und verkrustet, hatte einen Durchmesser von zehn mal drei Zentimeter und etwa einen Zentimeter tief. Bis zum Sommer dieses Jahres war ich bei (m)einem tollen Chirurgen in Behandlung, der mir mit seinem Können ein bewegliches und funktionierendes Handgelenk inklusive Hand und Finger erhalten hat. Es war ein unbezahlbares Glück, genau diesen Chirurgen zu treffen! Ein Könner, ein Zauberer und vor allem einer, der sich was traute. Er traute sich nämlich, die Behandlung am rechten Handgelenk ambulant durchzuführen und ohne zu operieren. Ein schweres Unterfangen, das viele Monate in Anspruch nahm, aber ausgesprochen erfolgreich war. An diese Prozedur erinnert heute nur noch eine Narbe, die wohl – ebenso wie die Schmerzen – vermutlich ein ständiger Begleiter bleiben wird.

Ebenfalls war das Loch am Hals vom Luftröhrenschnitt meilenweit davon entfernt, verheilt zu sein, als ich das Krankenhaus verließ. Und erst mal die Rippen, die grässlich schmerzten, und zwar für Monate. Dann meine Unbeweglichkeit und der Rollstuhl. Jedenfalls kam eins zum anderen und wir waren mehr als herausgefordert – besser gesagt: mein Mann war an der Grenze des Leistbaren. Bei jedem Toilettengang war er dabei, beim Waschen und Duschen, beim Essen, einfach bei allem. Nichts konnte ich für lange Zeit mehr alleine…

Dem Zufall hatten wir es zu verdanken, dass wir glücklicherweise an die Physiotherapeutin „gerieten“, die genau zu uns passte und die genau die „richtige Frau“ für mich und meine Notwendigkeiten war. Zwischen uns stimmte auf Anhieb die Chemie und es begann eine mühsame Quälerei für mich, aber ich gab Gas, hielt durch und mittlerweile bin ich nicht mehr auf ihre Mobilisierungskünste angewiesen, doch Kontakt zueinander haben wir noch immer.

Dann war da noch der 10. April 2015. Ich hatte bei Ihnen einen Termin im Krankenhaus, aber leider waren Sie nicht da. Nicht im Hause, nicht in Bremen – sie waren zu einem Kongress – sagte Ihre Empfangsdame. Gerne hätte ich mich mit Ihnen unterhalten und das Gespräch (meinerseits klaren Geistes) fortgesetzt, was vor meiner Entlassung zwischen Ihnen und mir begann. Doch Sie waren nun mal nicht da! Also keine Antworten auf all meine offenen Fragen! Bis heute schleppe ich die Fragen mit mir herum…

Und dann will ich noch unseren Hausarzt zitieren, der damals im Januar nach dem Lesen Ihres Berichtes, Herr Doktor, die Stirn in Falten legte und sagte: „Das nenne ich doch mal einen Totalschaden…!“

Das war’s dann auch, was ich Ihnen mal schreiben wollte, Herr Doktor. Nun wissen Sie, was so ein OP-Zwischenfall für Folgen haben kann, und dass aus angeblich drei gestohlenen Wochen rasch ein Diebstahl von Monaten mit bleibenden gesundheitlichen Einschränkungen werden kann.
Mit freundlichem Gruß