Spökenkram oder was?

Es gibt Erlebnisse, die kann man nicht bei Jochen Schweizer oder anderen Event- und Erlebnisveranstaltern buchen. Das sind Erlebnisse, die sind Zufall – sie fallen dir eben zu. Du hast sie dir niemals gewünscht – weder zum Geburtstag noch zu Weihnachten und über sie nachgedacht hast du schon gar nicht – jedenfalls nicht laut. Trotzdem, es gibt sie – diese Erlebnisse, auf die wir keinen Einfluss haben und die uns total irreal erscheinen. Nahtoderlebnisse nennt man das, was ich meine.

Bis vor zwei Jahren war das für mich – wie für die meisten Menschen – einfach nur Spökenkram, erzählt von Leuten, die sich wichtigtun und mit denen die Fantasie durchgeht. In Selbsthilfegruppen, Internetforen, bei YouTube natürlich und in unzähligen Büchern kann der Interessierte sich Wissen zum Thema aneignen oder auch eigenes Erleben berichten. Dieses Phänomen beschäftigt Wissenschaftler in aller Welt, aller Religionen und Kulturen und die Menschheit auf allen Kontinenten schon immer.

Plötzlich gehörte ich aber auch zu denen, die ein Nahtoderlebnis hatten und das kam so: Ein eigentlich nur kleiner, unspektakulärer operativer Eingriff ließ mich einen Blick ins Jenseits oder in die Zwischenwelt werfen. Wie das passieren konnte? Ein Versagen meines Kreislaufes, ein Fehler des Operateurs – wer weiß das schon! Auf jeden Fall war ich klinisch tot, mein Herz schlug plötzlich nicht mehr. Wie sagt man so treffend: Aus die Maus!

Jetzt glauben Sie bloß nicht, dass ich den Weißkitteln beim Versuch, mich zurückzuholen, zugesehen habe. So im PO schwebend, im hellen Licht, jeden Handgriff verfolgend und unten lag ich auf der Pritsche. Nee, sowas erinnere ich nicht. Die Ärzte machten ihren Job und ich ging währenddessen auf eine Reise, die seltsam beeindruckend, ungewöhnlich bizarr war und die ich vielleicht nur geträumt habe. Oder habe ich das etwa wirklich erlebt?

Es sah aus wie im kleinen Hafen „Beim Wasserbauer“, damals zuhause in Berlin, am Liegeplatz meines Bootes, als ich noch zu den Seglern gehörte. Auftauchen wollte ich, aber überall waren Netze gespannt, die mich daran hinderten. Unter Wasser waren Bootsstege und auf denen standen vereinzelt Menschen, die ich beim näheren Hinsehen erkannte.

Eine Frau trug ein 50er-Jahre Sommerkleid, weiß mit rot-grünen Blumen, einen Petticoat und weiße Schuhen mit Pfennigabsätzen. Es war meine Mama! Neben ihr stand mein Papa, rank und schlank, im dunkelblauen Ausgehanzug, blank gewienerten Lackschuhen und einem Hut auf dem Kopf. Ich freue mich, sie zu sehen. Sie winken mir zu und reden mit mir, lautlos ohne die Lippen zu bewegen, non verbal sozusagen. Doch die Stimmen, die ich höre sind echt. Papa sagt: „Geh zurück zu deinem Mann“, ich zögere. Muttis sanfte aber bestimmende Worte klingen zu mir: „Tu was dein Vater sagt.“ Ich bitte darum, bei ihnen bleiben zu dürfen, mit ihnen zu reden, zu hören, wie es ihnen geht, aber sie vertrösten mich auf später – viel später. „Sehr viel später, mein Kind, genieße noch dein Leben!“ sagt Mama.

Trotz vieler Mühen komme ich nicht aus dem Wasser und auch der Mann in der weißen Uniform hilft mir nicht. In ihm erkenne ich Wulf – einen Freund meines Mannes, der seit einem halben Jahr tot ist – nur an seiner Stimme. „Geh zu deinem Mann, kümmere dich nicht um mich“ sagt er.

Ich schwimme weiter und sehe Gerd. Der spielte früher als Libero beim SBC Fußball und kam in ganz jungen Jahren beim Einsatz als Feuerwehrmann ums Leben. Sein Bruder Chris starb ein halbes Jahr später und nun steht der direkt neben ihm.

Am anderen Ende des Bootssteges findet eine Feierlichkeit statt – offensichtlich eine Hochzeit – na klar, die von Sybille und Willy, an das Fest erinnere ich mich noch gut! Leider sind beide bei einem Verkehrsunfall Anfang der Achtziger ums Leben gekommen.

So sehr ich mich auch bemühe, ich komme nirgends aus dem Wasser, das engmaschige Netz versperrt mir überall den Weg. Dafür erkenne ich viele Stimmen am Klang, am Tonfall und meine Vergangenheit wird lebendig.

Wie lange war ich unter Wasser? Irgendwann bin ich wieder im Trockenen und es ist stockdunkel und ich will nur noch schlafen. Ich bin todmüde und total erschöpft.

In den kommenden Wochen schlafe ich, träume wirres Zeug, erlebe Teile meines Lebens in verzerrter Wiedergabe. Manchmal in aller Ausführlichkeit, manchmal im Zeitraffer. Was ist Realität, was ist Traum? Ich erinnere, dass ich Angst hatte, vor dunklen, undefinierbaren Wesen, die mich bedrohten, die mir keine Ruhe gönnten und mich nicht schlafen ließen. Es war eine unendlich lange und schreckliche Zeit, die weit weg ist, mir aber immer in dunkler und verschwommener Erinnerung bleiben wird. Diese Erlebnisse, ob echt oder nur in meiner Fantasie, sind noch heute, zwei Jahre danach, in meinen Träumen vorhanden und ich befürchte, dass sie auch bleiben werden.

Mein Gesundheitszustand ist gut und stabil und eine Arztpraxis von innen habe ich schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen – und ich habe auch keine Sehnsucht danach.

Trotzdem, mein Leben ist anders – besser gesagt – unser Leben ist anders. Es gibt ein Davor und ein Danach. Selbstverständlich sind wir im Danach längst angekommen – mit allen Höhen und Tiefen. Mein Mann und ich machen das Beste daraus und ich versuche, die Kollateralschäden einfach nicht zu beachten – einfacher gesagt als getan.

Drum werden wir in diesen Tagen auch meinen zweiten Geburtstag feiern, angemessen und mit einem lachenden und einem weinenden Auge!
Oft werde ich gefragt, ob ich dankbar bin, für das wiedergewonnene Leben. Meist weiß ich nicht, was ich darauf antworten soll. Eigentlich muss die Antwort ein klares und lautes JA sein. Ist aber nicht der Fall, jedenfalls nicht immer. JEIN trifft es wohl eher. Warum? Weil ich mich an das Davor erinnere? Ich weiß es nicht wirklich. Bin ich vielleicht undankbar?