Helga

Hätte es Helga nicht schon gegeben, so müsste man sie glatt erfinden. Helga war eine supertolle Frau und meine Freundin. Eigentlich aber die Freundin meiner Eltern, doch für mich war sie immer eine sehr enge Vertraute, der ich viel mehr erzählt habe, als sonst einem Menschen. Sie war einfach die beste Beraterin, die ich jemals hatte. Sie ist viel zu früh gestorben, und zwar am 11.11.1989 um elf Uhr zehn! Das muss man auch erst einmal hinbekommen und jede rheinische Frohnatur würde sich über dieses Datum und diese Uhrzeit sicherlich freuen.

Helga war Jahrgang 1924, ziemlich lange mit Paul verheiratet und sie hatten zwei Mädels und alle waren unsere Nachbarn. Helga ging arbeiten und die beiden Mädchen waren nach der Schule oft bei uns zum Essen und zum Spielen. Die Ehe von Helga und Paul war schlimm und als die Kinder mit der Schule fertig und aus dem Gröbsten raus waren, packte sie ihre Koffer und verließ Paul. Sie zog in eine Wohnung, die so schäbig und verhunzt war, dass sie eigentlich die Bezeichnung Wohnung nicht verdiente. Doch Helga hielt durch, strampelte sich mühsam durchs neue Leben, legte Geld beiseite und nach knapp zwei Jahren schnürte sie erneut ihr Bündel und zog in eine niegelnagelneue wunderschöne Wohnung ganz in unsere Nähe.

Von Paul war sie längst geschieden, als sie Werner kennen lernte. Werner war noch verheiratet und hinsichtlich seiner Ehe unentschlossen, was er wollte. Helga konnte bestens mit dieser Situation umgehen. Er besuchte sie, wenn sie Lust und Zeit hatte und wenn sie nicht wollte, dann eben nicht – das Timing bestimmte jedenfalls sie. Helga war eine coole Socke, so würde man heute sagen. In den Siebzigern des letzten Jahrhunderts war sie einfach nur eine tolle, selbständige und emanzipierte Frau, die ihren Mann – äh Frau – bei Siemens stand und die rundum glücklich und zufrieden war.

Als ihre Mädels in den heiligen Stand der Ehe traten, bereicherten zwei tolle Schwiegersöhne und drei Enkelkinder zusätzlich ihr Leben. Mit ihren Schwiegersöhnen hatte sie einen guten Griff gemacht, sie liebte beide und die Zwei liebten ihre Schwiegermutter. Selbst der Nachwuchs war gut gelungen und Helga verbrachte viel Zeit mit ihnen, natürlich zum Ärger von Werner.

Wenn ich sie brauchte, hatte sie Zeit und wenn ich bei ihr mit einer Flasche Sekt oder Wein in der Tür stand, hatte sie immer ein offenes Ohr. Wir verbrachten viel Zeit miteinander, auch ganz ohne Probleme oder weltbewegende Diskussionen über Gott und die Welt. Helga hat mich geprägt in all den Jahren und den unendlich vielen Gesprächen, die oftmals auch telefonisch geführt wurden.

Für kleine Überraschungen war Helga immer gut. Zu Ihrem 60. Geburtstag hat sie zum Beispiel acht Personen in ein kleines Café in die Tegeler Fußgängerzone eingeladen. Alle Acht hatten eine Gemeinsamkeit: sie waren sich nämlich überhaupt nicht grün! Freundin Helga hatte es so arrangiert, dass alle miteinander ins Gespräch kamen und miteinander reden mussten. Helga, die Geburtstagsgastgeberin, kam nämlich absichtlich zwei Stunden später. Da hatten sich alle wieder ganz gut angenähert, ihre Probleme überdacht und gute Gespräche geführt. Nun konnte Helga mit ihren Gästen auf ihren Geburtstag anstoßen!

Übrigens: in diesen zwei Stunden hatten Helga und ich uns zu einem leckeren Frühstück in einem anderen Café getroffen.

Helga hatte auch für ihr Ableben Vorsorge getroffen und das nicht nur beim Bestatter. Ein kompletter Ablaufplan inklusive Trauer- und Grabrede lag fertig im Schrank und ihre Kinder kamen nicht umhin, diese Unterlagen zu finden. Dieser Brief war an ihre Schwiegersöhne gerichtet, denn nur so konnte sie sicher sein, dass alle ihre Wünsche erfüllt und die Reden verlesen werden. Da sie ein riesengroßer Fan von Eugen Roth und seinen Gedichten über den Mensch im Allgemeinen und Besonderen war, hatte sie sich beim Verfassen der Reden genau daran orientiert. Selbstverständlich auf ihre Trauergäste gemünzt.

Helga war eine tolle Freundin. Ohne sie ist es ein klein wenig dunkler geworden, mir fehlt sie und auch nach so vielen Jahren denke ich immer wieder gerne an sie – mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

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