Lief doch alles wie geschnitten Brot!

„Okay, dann will ich das mal versuchen, murmelte ich betroffen und leise durch die Zähne zischelnd. „Du bist ja echt nur noch negativ, zum Lachen gehst du in den Keller – wo ist bloß dein Humor geblieben?“ Das sagte neulich mein allerbester Freund zu mir und das traf mich mitten ins Eingeweckte. Er hat so richtig vom Leder gezogen: „…alles siehst du nur noch schwarz, an nichts und niemandem lässt du ein gutes Haar, deine Fröhlichkeit ist total unter die Räder gekommen, an allem nörgelst du rum…“ und so weiter und so weiter. Mit diesen und schlimmeren Aufzählungen hat er mir gehörig den Kopf gewaschen.“

Mit diesen Tatsachen konfrontierte mich vor gut zwei Wochen meine Lieblingsfreundin Anna. Wir kennen uns gefühlte hundert Jahre, ich war ihre Trauzeugin, ich hielt ihre Hand bei der Scheidungsverhandlung und ich tröstete sie, als ihr Führerschein über den Jordan ging und der eine oder andere potenzielle Lebensgefährte das Weite suchte. Wir gehen zusammen schoppen, mittlerweile allerdings nur noch im Internet, in „echten“ Geschäften ist sie mir zu nervig. Wenn Anna dabei ist, dann meiden wir Restaurants und kochen lieber zu Hause die Suppe des Eigenbrötlers so ganz ohne Haar in derselben. Verreisen ist mit ihr auch nicht das Nonplusultra, denn von der Anreise bis hin zum Zimmer hat sie immer was zum Meckern.

„Und da stand ich nun mit meinem Talent, heulte Rotz und Wasser, was der Sache nicht wirklich dienlich war. Später, als mein Freund längst weg war, dachte ich über seine Worte nach und dummerweise musste ich ihm auch noch Recht geben. Im vergangenen Jahr war ich nicht wirklich positiv orientiert – gebe ich zu. Aber es ist ja auch so viel passiert, was keinen Anlass zu Fröhlichkeit gab, versuche ich, mich zu rechtfertigen. „Blödsinn“ kontert mein Inneres, „privat war doch alles palletti – lief doch alles wie geschnitten Brot – also jaul nicht rum! Manch einer wär schon mit viel weniger echt zufrieden.“

Ist ja ein ziemlich fieses Testat, was mir mein Freund und mein Inneres für 2016 ausgestellt haben. Das will ich Ende 2017 nicht noch einmal hören! Drum kann die Devise nur heißen: Drehung um 180 Grad ist notwendig! Doch wie soll ich das anstellen? Schließlich habe ich lange dran gearbeitet, zum perfekten Miesepeter zu werden, zum Nörgler, zum Schwarzseher, zum Negativ-Orakel, zum Ringsum-Spielverderber! Ist immerhin nicht so einfach, den guten Dingen des Lebens auch noch was Schlechtes anzudichten und gute Ansätze bereits im Keim zu ersticken.“

So ist Anna: meilenweit davon entfernt, weder eine rheinische Frohnatur zu sein noch ein wortkarges Ostfriesengeschöpf. Bayerische Mitbürger würden sie vermutlich eine Grantlerin nennen. Meine Freundin Anna ist weit über fünfzig Jahre alt, lebt alleine in ihrer geschmackvollen Zwei-Zimmer-Wohnung, hat weder ein Haustier noch nette Nachbarn. Ihre beste Freundin bin ich, die zweitbeste ist ihre Arbeit. Da ist sie gut, super freundlich, hilfsbereit, höflich, zuvorkommend, klug und ausgesprochen gut drauf – total anders als privat! Man könnte meinen, sie ist das weibliche Pendant zu Dr. Jekyll und Mister Hyde – also sehr verwandlungsfähig.

Anna und ich sind Freunde und wie zwei linke Latschen, wie eineiige Zwillinge, wie Tom & Jerry, wie das doppelte Lottchen. Trotzdem gibt’s Unterschiede! Sie sagt ihre Meinung, hält mit nix hinterm Berg, trampelt in jeden Fettnapf, macht aus ihrem Herzen keine Mördergrube. Anna ist kein bisschen leise, polarisiert, ist herzensgut und hilfsbereit und dafür mag man sie.

Marie von Ebner-Eschenbach sagte mal treffend: Wirklich gute Freunde sind Menschen, die uns ganz genau kennen und trotzdem zu uns halten…   – oder vielleicht gerade deshalb!?