Familien-Bande

Die Uhren ticken wieder im Takt, der Backofen hat Ruhe, die Kochschürze hängt am Haken, das gute Geschirr inklusive Besteck und Gläser sind im Schrank und die Sippe ist wieder weg. Endlich! Endlich läuft’s wieder normal und das wurde auch Zeit. Noch einen Tag länger und ich weiß nicht… na, Sie wissen schon!

Familie ist was Tolles, allerdings noch viel toller, wenn man sie von hinten sieht und zu dieser Erkenntnis kam ich schon als Kind. Viele Blutsverwandte, Angeheiratete und Schwipp-und-Schwapp-Familienmitglieder können ganz schön nervig sein. Und unterschiedlich natürlich. Manche sind die geborenen Witzbolde, andere pflegen ihre Leichenbittermine und wieder andere sind den ganzen Tag lang am Schnattern, am Lästern, Lustigsein und am schlechte-Laune-verbreiten.

Onkel Hans, der selbständige Frisörmeister aus Köln, erzählte ununterbrochen Witze von Tünnes und Scheel. Tante Berta, seine Ehefrau, die er nach dem dritten Bier und vierten Kurzen Mutti nannte, erzählte von Willy, ihrem im Krieg gefallenen Lover. Der trank nicht, rauchte nicht, na und zum Äußersten zwischen ihm und ihr kam’s aufgrund seines frühen Ablebens auch nicht. Hätte unter anderen Umständen vermutlich auch nicht geklappt, denn schließlich war sie schon immer eine anständige Frau und das alleine bedurfte der ständigen Erwähnung.

Beide Opas waren an Weihnachten ebenso gut drauf, wie der Opa der Loriot-Familie Hoppenstedt. Opa Franz liebte Marschmusik in jeder Form und Opa Ferdinand schwärmte von seiner Zeit im Schalmei-Orchester, was selbstverständlich eine gewisse Musikalität voraussetzte, die man – seiner Meinung nach – lebenslang behält. Ferdinand sang sehr falsch und sehr laut und Opa Franz marschierte gerne mal zu oh du fröhliche… am Heiligabend in die Kirche ein.

Tante Hilde hatte keine eigenen Zähne im Mund, sondern ein Gebiss, dass unmöglich ihrs sein konnte. Vermutlich in den Kriegswirren oder auf dem Schwarzmarkt günstig geschossen. Auf jeden Fall klapperte das Schnäppchen lauthals bei jedem Bissen und nach übermäßigem Genuss von hausgebranntem Obstwein und aufgesetztem Eierlikör konnte sie es nur mühsam in der Klappe halten. Onkel Bruno hingegen trank nur Muckefuck – ob Weihnachten, Ostern oder an Geburtstagen – immer nur Muckefuck. Er diente noch beim Kaiser und mit seinen schlapp zwei Metern Körpergröße gehörte er zu den Langen Kerlen von Potsdam. Hilde war seine zweite große Liebe, an die dreißig Jahre jünger als er und ihretwegen hat er seine erste Frau verlassen. Das hat Gerda ihm niemals verziehen und bei der Familie hatte er eigentlich auch alle Sympathien verspielt, und zwar bis in die Steinzeit. Trotzdem durfte er an den Feiertagen erscheinen – man beachtete ihn einfach nicht und stellte ihn aufs Abstellgleis – aber schließlich gehört die Familie an Festtagen zusammen!

Und Lena wirbelte wie wild in der Küche rum. Kartoffelsalat, Gänsebraten, Rotkohl, Grünkohl, Nachspeise, Vorsuppe, Kuchen, Bratapfel mit Vanillesoße und Nüssen und tausend andere Leckereien. Sie machte es sehr gerne und nur so schaffte sie es, ihre Familie sogar an Feiertagen zu mögen. Karl kümmerte sich um den Weihnachtsbaum und um die Getränke. Damit hatte auch er alle Hände voll zu tun und den einen oder anderen Tropfen probierte er vorher schon mal, denn seine Gäste sollten nur das Beste im Glas haben.

Ungebremste Stimmungskanonen waren auch die Kinder, die sich rings um den Baum tummelten, Verstecken und Kriegezeck spielten, ihre neuen Geschenke ausprobierten und völlig überdreht solche Familienzusammenkünfte genossen. Jutta und Fredi spielten mit den Kasperlepuppen, was die beiden Kinder der Gastgeber total blöd fanden und zwischendurch war’s ähnlich wie zur Hochzeit bei Zickenschulze . Nach dem Raufen wurde gegessen und sie futterten alles durcheinander und was reinging, klagten bald darauf über Bauchpiepen, Blähungen und konstantem Schlechtsein.

Die vierbeinigen Familienmitglieder Mietze und Waldi bahnten sich selbst ihren Weg nach draußen in den Garten und mieden die feiernde Klimbim-Familie.

Zum Glück vergehen aber auch Feiertage und ein noch so langes Weihnachtsfest mündet im neuen Jahr und nach den Silvesterböllern ist alles wieder still und ruhig und der ganz normale Trott weicht dem Wahnsinn der Feiertage. Kinder gehen zur Schule, der Weihnachtsbaum nadelt, die Überreste aus Küche und Speisekammer sind vertilgt, die Haustiere räkeln sich im Körbchen, der bunte Teller steht einsam neben den runtergebrannten Kerzen auf dem Tisch und Opa hört seine geliebte Marschmusik auf Zimmerlautstärke.