Die tote Mulle

Ein Blick zurück in die Sechziger in Spandau
Sie ist Mitte vierzig oder jünger, möglicherweise älter. Ein bisschen pummelig ist sie, allerdings mit attraktiven Kurven und einer Haarfarbe zwischen Straßenköter blond und einem meliertem helleren Braun. Ihre Augen haben eine undefinierbare Mischmasch-Farbe, die Kleidung ist immer adrett und sauber, meistens bunt und mit einem Touch zum Billigen. Alle nennen sie Mulle. Aber Mulle heißt man doch nicht, es sei denn, man ist eine Katze! Wenn man sie nach ihrem Namen fragt, antwortet sie: sag einfach Mulle zu mir!

Mulle ist Stammgast in der Alt-Berliner Eckkneipe Zur Letzten Ecke in der Seegefelder Straße. Sie kommt immer alleine, niemals mit Mann oder überhaupt in Begleitung. Männer mögen sie und sie mag Männer. Liierte und verheiratete Frauen haben sie misstrauisch im Auge und ihre eigenen Kerle achtsam im Blick.

Mulle arbeitet im Milchladen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Sie verkauft Milch, Käse, Butter, Joghurt, Quark und Schichtkäse. All das wird in dem kleinen Betrieb überwiegend manuell hergestellt – so wie das in den Sechzigern eben noch üblich war. Man munkelt, dass Mulle ein Techtelmechtel mit dem Besitzer hat, also mit Senior Harry.

Vater und Sohn führen das kleine Unternehmen. Haben sie gemeinsam nach dem Krieg aufgebaut. Junior Atze war in der Schule ohnehin keine Leuchte, für ihn waren knapp sechs Jahre ausreichend, schreiben, lesen und ein bisschen rechnen zu lernen. Die Kühe im Stall und auf der Weide sind sein Ding, die hegt und pflegt er, da ist er der Kümmerer. Vater Harry führt das Milchgeschäft nach dem Tod seiner Frau vor ein paar Jahren selbst. Sie bekam plötzlich eine Lungenentzündung und aus war die Maus. Nun leben Vater und Sohn im kleinen Häuschen mit Laden ohne Frau und Mutter alleine.

Mulle ist eine treue Seele, sie hilft im Männerhaushalt, arbeitet im Laden, sie sorgt für beide. Mulles Mann ist im Krieg geblieben, aus der Gefangenschaft nicht wiedergekommen, wurde für tot erklärt. Ihre Witwenrente ist kaum der Rede wert, davon kann man weder leben noch sterben, sagt sie. Bei Harry verdient sie ganz gut und vor allem wird sie dort gebraucht.

Das Feierabendbierchen trinkt Mulle bei Kneipenwirt Puse Lutter, wie viele andere auch aus dem Kiez. Zur Letzten Ecke ist Wohnzimmer, Kommunikationsort, Unterhaltungs- und Tanzlokal. Der Fernseher ist was Besonderes, hatte damals nicht jede Kneipe und zuhause kaum einer. Sonnabends geht meistens die Post ab. In feuchtfröhlicher Runde lacht man über Heidi Kabel und Henry Vahl und nach der Übertragung aus dem Ohnsorg-Theater wirft man ein paar Groschen in die Jukebox und es wird geschwoft, was das Zeug hält. Schlager zum Mitsingen. Caterina Valente, Gerhard Wendland, Freddy Quinn, Willy Hagara, Lale Andersen sind die Stars der Zeit und sorgen für Stimmung und gute Laune – aber auch für Sehnsucht nach Palmen, Strand und Meer, nach Italien und andere fremde Länder.

Dann ist Freitag der Dreizehnte und nachmittags macht die Nachricht die Runde, dass Mulle tot ist. Vorm Haus, in dem ihre Wohnung liegt, war ein riesiger Feuerwehreinsatz und es soll sogar Tote gegeben haben, sagt die Polizei. So berichtet es Puse Lutter und der hat es von Atze. Atze trommelte um die Mittagszeit wie wild an die Küchenscheibe, als der Kneipenwirt mit beiden Händen im Bulettenteig steckte. Mulle war heute auch nicht im Milchladen, erzählt Atze. Beim Bäcker hat sie das Blech mit dem Streuselkuchen für die goldene Hochzeit der Eheleute Neumann auch nicht abgeholt, obwohl es abgesprochen war und bereits morgens wollte sie Oma Neumann die Haare ondulieren und den Anzug des Jubilars aufbügeln.

Die Kneipe füllt sich, alle reden nur über Mulle. Alle sind unfassbar traurig, Tränen kullern und alle trinken auf Mulle, reden von ihr und über sie. Wie beim Fellversaufen, wenn man bei Korn, Bier und Hackepeter-Schrippen Verstorbene würdigt. Jeder hat was zu erzählen, was ganz Persönliches, eine Begebenheit mit Mulle. Selbst die weiblichen Gäste reden nur gut von ihr, keine Spur von Misstrauen oder gar Eifersucht. Immer mehr Leute kommen, auf ein Bier, auf ein Wort, um Neues über das tragische Ableben der Freundin in Erfahrung zu bringen. Trotz des lebhaften Geschnatters herrscht Friedhofsstimmung. Keiner will nach Hause, keiner will heute Abend alleine sein mit seinen Gedanken. Reden tun gut, Hochprozentiges auch.

Bei Puse Lutter klingelt kräftig die Kasse und bei denen, die nicht bar zahlen, füllt sich der Zettel. Irgendwer fragt, ob man schon mal Geld sammeln soll. Gerda und Heinz haben einen Blumenladen und geben bereitwillig Auskunft über Blumenarrangements in der Kirche und Kosten für Grabschmuck. Maritas Schwiegervater ist Bestattungsunternehmer und da ließe sich was machen – also preisgünstiger, sagt sie. Hat Mulle eigentlich noch Verwandte? Alle zucken mit den Schultern, Genaues weiß keiner.

Die Zeiger der großen Uhr – ein Geschenk der Schultheiß-Brauerei – rücken gen Mitternacht und die Kneipentür geht auf. Keiner schaut hin, keiner bekommt es mit, alle unterhalten sich, nur der Wirt ruft plötzlich: Mulle und Harry! Was macht ihr denn hier? Wo kommt ihr denn her? Wo wart ihr denn den ganzen Tag? Mulle, du bist gar nicht tot – du lebst?“

Mittlerweile haben alle Gäste es geschnallt: Mulle und Harry sind da – pünktlich zur Geisterstunde!

Beide haben heute in Tegel geheiratet. Ganz alleine, ohne großartiges Brimborium und ohne den ganzen üblichen Klimbim. Trauzeugen von der Straße, Gläschen Sekt im Hotel Seeblick, Dampferfahrt übern Tegeler See, Abendessen im Ausflugslokal und dann mit dem Bus wieder nach Hause, nach Spandau.

Vom Feuer im Wohnhaus hatten die beiden bisher keine Ahnung. Und das mit den Toten beim Wohnungsbrand war nur ein Gerücht, zum Glück entstand nur Sachschaden. Die Feier des Jubelpaares Neumann fand übrigens eine Woche später statt, so wie schon lange geplant. Der bestellte Streuselkuchen vom Blech war für die Kneipenfreunde bestimmt, aber das wusste der Bäcker nicht – sollte schließlich eine Überraschung werden, und zwar für alle, die am Sonnabendabend mit Harry und Mulle ihre Hochzeit bei Puse Lutter in der Kneipe feiern!