Ein feines Früchtchen ist sie…!

Aromatisch, süß, gesund, lecker, erfrischend – seit Menschengedenken ist sie in aller Munde, jeder mag sie, ohne sie geht’s einfach nicht. Wär sie nicht schon erfunden, müsste man es glatt nachholen. Vermutlich schmeckte sie schon den Feuersteins in der Steinzeit, sagen Forschung und Wissenschaft. An Duft und Geschmack ist sie einfach nicht zu überbieten, knallrot und saftig ist sie der nicht zu toppende Renner. Und was man aus ihr so alles machen – da sind der eigenen Kreativität absolut keine Grenzen gesetzt.

Es ist noch nicht mal Mitte März. Zwar sind die Tage schon wieder länger, aber Schnee- und Graupelschauer gehören noch zum Alltag. Meteorologisch hat der Frühling schon begonnen, aber angekommen ist er noch längst nicht. Zaghaft stecken Frühlingsblüher ihre Spitzen aus der eiskalten Erde. Der Sommer ist noch in weiter Ferne. Trotzdem! Bereits seit vielen Wochen ist sie in Supermärkten und beim Discounter massenhaft im Angebot.

Die Erdbeere ist es, die uns anlächelt! Bei ihrem Anblick läuft uns das Wasser im Mund zusammen. Wir kaufen sie, wir essen sie, wir genießen sie, selbst wenn sie längst nicht so aromatisch schmeckt, wie im Sommer. Um diese Jahreszeit kommt sie natürlich nicht aus deutschen Landen frisch auf den Tisch. Wie auch – dazu braucht’s Wärme, Sonne, Frühlingsregen! Wärmende Sonnenstrahlen gibt’s so früh im Jahr nicht bei uns um die Ecke. Aber eben woanders, weit weg eben. Die Erdbeere kommt von weit her – aus Spanien, Marokko, Israel, Ägypten und anderswo. Sie wächst und gedeiht unter wärmender Folie. Sie hat jede Menge Autobahn-Kilometer, Flugstunden und manchmal sogar Seemeilen bis zu uns hinter sich gebracht. Umweltfreundlich sieht anders aus. Tonnenweise wird ungesundes und klimaschädliches CO2 in die Atmosphäre geblasen, bevor das vitaminreiche und gesunde Früchtchen uns Sommerfeeling in die gut geheizte Stube zaubert.

Tonnenweise werden Erdbeeren produziert, und zwar so ziemlich rund um den Erdball. Das rote „Leckerli“ hat nicht nur in Deutschland Millionen Liebhaber, die sich alle zehn Finger nach ihr lecken. Die lieben meist auch alles, was mit Erdbeeren zubereitet wird. Also Quark, Joghurt, Schokolade, Marmelade, Konfitüre, Saft, Smoothies, Milchshakes, Kuchen, Torte, Pralinen, Eis und viel, viel mehr. Würde in all diesen Produkten frische Erdbeeren stecken, so müsste man selbst bei den Eskimos, auf dem Himalaja, in der Sahara und im tiefsten Sibirien Erdbeeren anbauen.

Dem haben aber pfiffige Lebensmitteltechniker und -Chemiker in ihren Laboratorien einen Riegel vorgeschoben! Sie tüftelten so lange herum, bis künstliche Aromen vom Original nicht zu unterscheiden waren. Diese Methode ist preiswert, umweltfreundlich und der Verbraucher merkt’s sowieso nicht. Das ist dann genau wie mit der Tütensuppe: nichts davon ist drin, was draußen draufsteht! Trotzdem: Das Süppchen von Maggi, Knorr und anderen Herstellern ist seit Jahrzehnten ein Kassenschlager, der wohl in keiner Küche fehlt!

Wer glaubt, dass bayerische Almbauern oder ihre friesischen Kollegen unter blauem Himmel auf der saftig grünen Wiese ihren Kühen streichelnder Weise die Milch entlocken, der irrt gewaltig. Auch ernten sie die Erdbeeren nicht aus dem eigenen Garten, sammeln die Früchte nicht im geflochtenen Korb und schnippeln die frischen, saftig-aromatischen Erdbeeren nicht persönlich in den Joghurt.

In der altmodisch-gemütlichen Küche rührt die Oma liebevoll den Joghurt und die Erdbeeren in einer großen Schüssel und die blondgelockte Enkelin nascht frische Erdbeeren und guckt der Omi aufmerksam und lächelnd zu. Denn schließlich wird sie eines Tages die Aufgaben der alten Dame übernehmen – denn Tradition ist wichtig, und zwar seit Generationen. Solche Fernsehspots sind außerordentlich werbewirksam und pushen die Umsatzzahlen enorm ins Höhe. Beim Anblick läuft einem das Wasser im Munde zusammen, das Auge isst mit und das Auge signalisiert allen Sinnen Natürlichkeit, biologisch vom Feinsten, alles Natur pur, keine Umweltbelastung,

Beim nächsten Besuch im Supermarkt sorgt unsere Erinnerung an die TV-Werbung dafür, dass unsere Hand genau in das Regal greift, wo die Bauer’s und Weihenstephan’s der Welt nur Gutes und Erlesenes extra für uns liebevoll produziert und für uns bereitgestellt haben. Wir kaufen Erdbeerjoghurt, Erdbeerquark, Erdbeerschokolade….

Wenn wir uns verinnerlichen, dass in den („Gift“-)Küchen der Lebensmittelindustrie heutzutage jedes Aroma, jeder Geschmack imitiert werden kann, dann…. ja, was dann? Würden wir das leckere Früchtchen vom Speiseplan verbannen, würden wir uns arrangieren, würden wir uns bei jedem Einkauf fragen, ob die Erdbeeren, die uns rot, rund, saftig und aromatisch erscheinen, auch „echte Erdbeeren“ sind? Nee, das würden wir bestimmt nicht tun! Würden wir sie auf der Fensterbank im Blumentopf züchten? Würden wir sie nur noch beim Öko-Landwirt unseres Vertrauens kaufen? Selbst da wissen wir nicht wirklich, wie es ums Erbgut der Pflanzen bestellt ist.

Was würde uns eigentlich Frau Bundeskanzlerin Merkel zum Thema Erdbeeren sagen?

Ob sie wohl die Hände zur Raute formt, die Mundwinkel nach unten schiebt und uns ein ganz klein bisschen emotionslos mitteilt, dass auch das Kaufen von Erdbeeren ziemlich alternativlos ist?

12. März 2017