Fröhliche Feiertage

Wieder mal steht’s dick und rot angezeichnet, unübersehbar im Kalender: Feiertage!

Doch auch ohne gültigen oder nicht ordnungsgemäß abgerissenen Papierkalender merkt man’s. Die Tankstellen erhöhen die Benzinpreise, in den Lebensmittelgeschäften ist es voll, Regale sind teilweise leer. Man könnte meinen, dass die Regierung eine Sonderbevorratung wegen irgendwelcher bevorstehenden Katastrophen angeordnet hat.

Ebenfalls ein deutliches und unverkennbares Zeichen, dass Feier-, Ferien- und freie Tage im Anmarsch sind, ist das öffentlich-rechtliche Fernsehprogramm. Nachwuchsmoderatoren präsentieren uns Aktuelles, das an solchen Tagen ohnehin in die zweite Reihe rückt. Rumpelstilzchen, Zwerg Nase, König Drosselbart und Kumpane haben Vorfahrt, die Kleinen wollen schließlich bespaßt werden und sollen die Erwachsenen nicht beim Ausschlafen und anderen wichtigen Beschäftigungen im Wege stehen.

Selbst Petrus oder wer immer fürs Wetter verantwortlich zeichnet, stellt sich ebenfalls auf Fest- und Feiertage ein – mal zum Nutzen dieser und mal zum Schaden jener Gruppe. In diesem Jahr dürfte jedenfalls für Ostern feststehen, dass die Strandkorbvermieter an Nord- und Ostsee nicht die freundlich Dreinblickenden sind und die Kollegen Eisverkäufer vermutlich auch nicht. Dafür haben Friesennerze Hochkonjunktur und Regenschirme gehen weg wie warme Semmeln.

Negative Verkehrsmeldungen nehmen überhand, denn je voller die Straßen, desto länger die Staus, so lautet die alte ADAC-Weisheit mit Blick aufs mobile Feiertagsgeschehen.

Das ist der ganz normale Wahnsinn, wie wir ihn kennen, wie er mit Regelmäßigkeit wiederkehrt, wenn im Kalender Feiertag steht!

Offizielle Feiertage sind allseits beliebt, vor allem, wenn sie auf einen Montag oder Freitag fallen oder in Kombination mit Brückentagen ein Mini-Urlaub draus werden kann.

Ruhetage, Sonntage, Feiertage, Urlaubstage, Geburts- und Namenstage, Hochzeitstage, Nationalfeiertage, Kirchenfeiertage, staatlich verordnete Gedenk- und Trauertage – viele gibt’s davon. Einige sind Tage, da ist Familie ein Muss – Familie, ob man Bock hat oder nicht! Man besucht Tante Else, Oma Grete, Bruder Klaus, Nichte Betty und weiß schon vorher, dass dieses Treffen toll sein wird. Bei denen haut immer alles hin – von Stimmung bis Butterkuchen über Frikadellen und Kartoffelsalat ist alles palletti, selbst die Gäste sind okay.

Dagegen braucht niemand die Besuche bei Petra und Benni, Fiete und Ernie, geschweige denn bei Bubi und Babsi. Ätzend, aber Familie ist nun mal Familie und da muss man durch. Da ist es am besten man sagt nix und hält die Klappe. Macht sich in der großen Tafelrunde aber meistens nicht so gut. Besser ist, man beteiligt sich am Smalltalk, lobt den Kuchen, findet die dicken Tomaten draußen im Garten absolut einmalig und bewundert die Rosenpracht hinterm Haus, selbst wenn man keinen einzigen Blick hinters Haus geworfen hat. Empfehlenswert ist es außerdem, die Fotos im Album von welchen Reisen auch immer mit den nicht wirklich fotogenen Enkelkindern begeistert anzusehen und vor Entzücken die Augen zu verdrehen.

Bei Fiete und Ernie steht seit mindestens zehn Jahren Ernies missratener Butterkuchen auf der Rangliste der Unterhaltung am Kaffeetisch ganz oben. Mit tränenfeuchten Augen kann sie es sich überhaupt nicht erklären, warum die Sahne nicht fest geworden ist, die Butter zerlaufen und die Streusel verbrannt sind. An zweiter Stelle steht Fietes Bandscheibe und seine dadurch erfolgte Früh-Verrentung vor zehn Jahren. Ich würde noch liebend gerne arbeiten, aber leider ist das bei meinem Krankheitsbild nicht mehr möglich, beteuert der Achtundfünfzigjährige aufrichtig. Doch sobald das Wetter wärmer ist, wird er die Terrasse selbst fliesen, da Handwerker nur Murks machen und viel zu teuer sind.

Petra und Benni sind ein ganz spezieller Fall. Ein Besuch bei ihnen erweckt den sehnlichen Wunsch, doch lieber im Stau auf der Autobahn zu stehen, oder mit einer saftigen Erkältung im Bett zu liegen. Ihr Haus ist seit vier Generationen im Familienbesitz und seither wurde es so gut wie nicht modernisiert. Es ist alt und morsch, die Dielen knarzen, die Räume sind winzig und dunkel. In diesem Haus ist alles düster und mickrig – sogar die Grünpflanzen! Selbst die Konversation ist dürftig, engstirnig und alles andere als erleuchtend. Als Gast fühlt man sich ähnlich, wie der Zuschauer im Edgar Wallace Film. Es sei denn, man kann bei schönem Wetter im großen Garten sitzen, wo übrigens noch ein echtes Plumpsklo im alten Schuppen zu bewundern ist.

Doch auch bei Petra und Benni ist es wie damals in der DDR: Auch dort war nicht alles nur schlecht!

Hier ist das Gute, dass Petra begnadet kochen kann. Sie zaubert vorzügliche Köstlichkeiten auf den alten wurmstichigen Esstisch. Ihr Butterkuchen – je nach Jahreszeit mit Äpfeln, Aprikosen oder Pflaumen – lässt jeden Profi-Konditor vor Neid gelb werden.

Bennis freilaufende Hühner und die knuddeligen Kaninchen mit dem dicken weichen Fell bilden die Basis für viele leckere Gerichte und Petras Kräuter, Obst, Gemüse aus eigenem Anbau ein stimmiges Drumherum. Auf wertvollem Meissner Porzellan machen sich zarte Kaninchen- und Hühnerkeulen in Knoblauchsoße mit Erbsen, Karotten und Wildkräuter-Salat besonders gut.

Nach solch einem Gaumenschmaus ist die Freude beim vollgefutterten Gast dann doch groß, nicht im Stau gestanden zu haben. Allerdings wird die Freude am nächsten Morgen durch die Anzeige der Personenwaage arg gedämpft, denn die flüstert leise: hättest du mal im Stau gestanden…!

Sagte ich schon, dass jede Medaille zwei Seiten hat…?

April 2017