He lücht..!

Man trifft ihn auf Sightseeing-Touren, bei Hafenrundfahrten auf Barkassen und er erzählt den Gästen an Bord allerlei Interessantes und Wahres, aber auch jede Menge Döntjes. In früheren Zeiten amüsierten sich Hafenarbeiter und Seeleute bei der Arbeit auf ihren Schiffen, an denen so eine Rundfahrtgesellschaft gemächlich vorbeituckerte, über diesen Quatschkopp und riefen den Touris „he lücht!“ zu. So soll der Überlieferung nach die Berufsbezeichnung für den Münchhausen auf dem Wasser entstanden sein, die es offiziell und verbrieft eingetragen seit 1956 gibt.

Solch einen Tünkram-Erzähler live erleben, über sein gesponnenes Semmannsgarn zu schmunzeln und dann noch ein wenig Plattdeutsch verstehen, ist Spaß pur. Bei der Hamburger Hafenrunde ist so eine typische he-lücht-Geschichte, dass man vom Turm des Michels aus drei Meere sehen kann: tagsüber das Häusermeer, abends das Lichtermeer und nachts gar nix mehr!

Auch in Bremen gibt’s Schiffe, die einem Erklär-Bär an Bord haben. So auch die Princess von der Adler-Reederei, die unter anderem von der Hansestadt aus über Weser und Hunte bis nach Oldenburg schippert. Diesen Ausflug wollten wir seit Jahren schon mal machen und endlich hat es geklappt.

Zunächst glaubten wir, an der falschen Pier, am falschen Tag, am falschen Schiff zu sein. Unsere erste Wahrnehmung war, dass hier eine Verkaufsveranstaltung für Leute der Generation 70plus-hoch-drei und ihren Rollatoren und anderen Hilfsmitteln steigt. Weit gefehlt! Wir waren richtig und die flotte Dame vom Service bestätigte unseren Eintrag auf der Buchungsliste! Was soll’s, gebucht ist gebucht – drum Leinen los und auf geht’s!

Warum dudelt hier eigentlich keine Musik, frag ich mich? So ein leises „Heut geht es an Bord, heut segeln wir fort…“ oder „Junge, komm bald wieder…“ oder irgendwas anderes Maritimes von Hans Albers, Heino oder einem Shanty-Chor wäre nicht verkehrt. Stattdessen das Murmeln der Passagiere, das Klappern von Geschirr und die etwas zu lauten Arbeitsanweisungen aus Richtung des Servicepersonals. Also nichts, was mit Stimmung und Wohlbefinden zu tun hat. Der Blick meines Mannes sagt mir wortlos: „Mecker nich – wart erstmal ab!“

Ein überaus lauter Gong reißt mich aus meinen Gedanken. „Jetzt redet he lücht“ flüstert mein Mann mir zu. Irrtum, es ist der Kapitän, der uns mit gelangweilter Stimme aufs herzlichste begrüßt. Er sagt was zum Schiff, zur Reiseroute und dann … endlich! He lücht übernimmt das Mikro. Dieser He lücht ist der bekannte DMR – erläutert mir mein Mann. DMR ist in Fachkreisen genauso bekannt wie DJ Ötzi in der Clubszene! Aber wo steckt der bloß? Der kann doch nicht unsichtbar sein! Na ja, Hauptsache, man hört seine äußerst angenehme und sonore Stimme…trotzdem, wo ist er denn?

Lässt mir gar keine Ruhe und ich frag mal beim Kellner nach. Ach der He lücht, der ist oben auf der Brücke beim Käpt’n! Es ist neue Technik an Bord und die klappt bloß von da oben, sagt der Ober, aber nachher zum Essen kommt er runter und mischt sich unter die Gäste! Aha, nun weiß ich Bescheid…!

Oh nee, wieder dieser dämliche Gong – der weckt echt Tote auf! Doch das Gute an diesem fiesen Geräusch ist, dass es auch das Signal für he lücht ist, der Interessantes und Kurioses zu berichten weiß. Er erzählt, dass wir gleich in Vegesack sind, doch keiner hört ihm zu, denn aus dem Boden des großen Gastraumes erhebt sich knarzend das Büffet mit gefühlten hundert unterschiedlich gefüllten Schüsseln und Tellern.

Der duftende Gourmettempel stiehlt dem kleinen Städtchen Vegesack mit der attraktiven Promenade und dem Schulschiff Deutschland voll die Show! Der He lücht geht mit seinem Mikrofon baden – niemand schaut mehr aus dem Fenster, keiner folgt seinen Worten. Alle Passagiere sitzen in den Startlöchern, um sich unmittelbar in die heiße Schlacht ums warme und kalte Büffet zu stürzen!

Wieder der Gong: Der Kapitän erteilt die offizielle Freigabe der Fressalien und auf geht’s mit Rollator, Gehhilfen, Krückstock, auf flinken Sohlen und mit Platz verschaffenden Ellenbogen mitten ins Gefecht!

Das Szenarium ist genau das, was Udo Jürgens und Reinhard Mey mit ihren bekannten Hits vom Feinsten erkannten und beschrieben:

„Bei der heißen Schlacht am kalten Büffet, da zählt der Mann noch als Mann, und Auge um Auge, Aspik um Gelee, hier zeigt sich, wer kämpfen kann!“ und „…sie schmatzen und schwatzen, dann holen sie sich noch Buttercremetorte und Bienenstich, sie pusten und prusten, fast geht nichts mehr rein…!“

Das leer gefutterte Büffet ist wieder im Erdboden verschwunden, Danach verlassen wir die Weser und Elsfleth liegt steuerbord voraus und der schrille Gong lässt die Mittagsschlafenden zusammenzucken. Die BV2, ein stattlicher Segler – gebaut in Vegesack – legt gerade ab, wendet und nimmt Kurs gen Heimathafen, verklickert he lücht. Er stellt die Großherzogin Elisabeth vor, das schöne weiße Segelschulschiff, das am Kai liegt. Von der Wasserseite sieht es ziemlich schedderig aus und bevor für die weiße Schöne die Saison beginnt, sollte die Crew nochmal zu Wasser und Feudel greifen.

Auf der Hunte zwischen Elsfleth und Oldenburg gibt‘s außer grasgrünen Weiden, kleinen Lämmern und großen Schafen und ab und zu mal einem Haus hinterm Deich nichts zu sehen. Der Dampfer tuckert gemächlich vor sich hin und aus diese Monotonie wird nur gelegentlich vom Gong unterbrochen. Draußen fieselt es sich ein und das macht die Fahrt auch nicht attraktiver.

Über sieben Brücken muss der Dampfer zwar nicht gehen, aber unter Dreien hindurch. Nicht so einfach, denn es sind Klapp-Konstruktionen und jedes Schiff muss somit Rücksicht auf den fließenden Straßen- und Bahnverkehr in der ersten Etage nehmen, bevor es passieren darf. Das heißt Anlegen vor der Brücke, Wartezeit und Langeweile!

So langsam habe ich die Nase voll von diesem Ausflug. Getränke rückt das Servicepersonal nur noch widerwillig raus. Alles ist bereits ab-, weg- und aufgeräumt, Kasse abgerechnet, alle warten aufs Anlegemanöver und den Feierabend. Der verzögert sich allerdings gewaltig, denn auch die letzte Brücke kurz vor der Anlegestelle in Oldenburg ist geschlossen und auch hier hat der Schienenverkehr Vorfahrt!

Während wir vorm Schiff bei strömendem Regen auf ein Taxi warten, das uns zum Bahnhof bringen soll, verkneift sich mein Mann die Frage, ob es mir gefallen hat. Nach mehrfacher telefonischer Nachfrage in der Taxizentrale steigen wir klitschnass und durchgefroren ein und zum Glück ist unser Zug nach Bremen wenigstens total pünktlich – ist schließlich auch keine Selbstverständlichkeit bei der Bahn!

Ein paar Tage später treffen wir zufällig „unseren“ he lücht. „Wie hat’s euch gefallen? Fragt er. Ganz plötzlich fällt mir ein, dass ich unbedingt noch was im Drogeriemarkt besorgen muss und lass die beiden Männer einfach stehen……..!