Unsere maritime Klamotte

Seit Jahren liegt er schon an der Signalstation. Bei Hochwasser geht die eine oder andere Welle platschend über ihn hinweg. Liebespaare haben im Sternenschein engumschlungen auf ihm knutschend gesessen, manch ein Vierbeiner hat ihn angepinkelt und dem einen oder anderen Spaziergänger lag er im Weg oder diente ihm als Platz an der Sonne mit Blick auf die Weser. Weshalb liegt er eigentlich da und wo kommt er her – die Riesen-Klamotte mitten auf der Maritimen Meile in Vegesack?

Ist er etwa ein Findling, der von einer Gletschermoräne den Vegesackern vor die eiszeitliche Haustüre geschoben wurde?

Oder gehört er womöglich zu einem der sagenumwobenen Hünengräbern, die immerhin von Nordrhein-Westfalen über Niedersachsen bis hin zu den Fischköppen an der Ostsee nicht gerade selten anzutreffen sind?

Er könnte aber auch genauso gut ein Souvenir an die Rolling Stones sein! Aber waren die jemals in Bremen-Nord? Nee, das wüsste man und die Eingeborenen hätten sich nicht lumpen lassen und eine in Stein gehauene Gedenktafel aufgestellt!

Und wie einer aus Stonhenge – Sie wissen schon, die steinerne Kultstätte in England aus der Bronzezeit – sieht er auch nicht aus.

Ob ihn wohl ein Wal mitbrachte, der von der Nordsee nach Bremen-City unterwegs war und in Vegesack einen Stopp einlegte? Oder gar mehrere Jungtiere, die mit ihm Ball spielten bis er ihnen an Land kullerte und dort liegen blieb?

Oder ist er oben von der Weserstraße runtergefallen, über die Wiese gerollt bis auf die Promenade? Die Weserstraße – wo noch heute prächtige Villen und alte Kapitänshäuser stehen. Vielleicht hat ihn ein Kapitän von großer Fahrt aus einem fernen Land mitgebracht und da dieser Koloss weder ins Haus noch in den Garten passte, hat er ihn den Berg runtergeschubst und auf diese Weise heimlich entsorgt.

Ist dieser Stein was Besonderes? Könnte er reden, so würde er uns bestimmt seine ganz eigene Geschichte erzählen. Wo kommt er her, wie alt ist er, wie kam er zu uns ans Weser-Ufer. All diese Fragen könnte er uns beantworten. Wir würden ihm gespannt zuhören – mit großen Ohren lauschen und viel Abenteuerliches aus fernen Ländern erfahren – vielleicht! Vielleicht aber auch nicht! Vielleicht würden wir aber nix erfahren, weil er nichts zu erzählen hat und stumm wie ein Stein bleibt.

Vielleicht hat man auch nur vergessen, ihn wegzuräumen oder zu verbuddeln, als man vor vielen Jahren die Promenade angelegt hat. Vielleicht war der Bagger zu schwach und der Stein zu stark! Vielleicht war’s aber auch nur gerade Freitag um eins und für die Bauarbeiter auf der Promenade Feierabend und Wochenende, denn wie heißt es so treffendend: Freitags ab eins macht jeder seins!

Mit unserem Stein ist es wie mit jedem happy End eines Märchens: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute!

Frei nach diesem altbewährten Schluss: Und wenn ihn keiner wegräumt, dann bleibt er eben liegen!

2.6.2017