Wie sagt man immer: Plötzlich und unerwartet

Lieber Fred.
Ich fang mal bei plötzlich an.
Plötzlich kannte ich einen Holländer – oder muss ich Niederländer sagen? Wenn man mal von den Prominenten aus Deinem Heimatland absieht, wie Heintje, Rudi Carrell, dem ollen Heesters und Königin Beatrix, warst Du der Erste aus dem Land von Käse, Tulpen, Genever, Matjes und den Windmühlen. Und soll ich Dir mal was sagen: Du hast mir gleich gefallen! Deine Sprache, Deine klaren Augen, Deine rote Jacke, Dein gesunder Menschenverstand und dann hast Du auch noch an den Stellen herzhaft gelacht, an denen ich mich nur traute, zu schmunzeln. All das hat mir gefallen. War so ganz anders, als manch einer der Vegesacker, die auch auf diesem Grillfest damals waren.

Nach dem Grillwürstchenessen befragte ich erstmal meine bessere Hälfte, was für einer Du denn so bist. Er erzählte mir von Dir, Euren gemeinsamen Projekten, Eurer jahrzehntelanger Bekanntschaft und von Deiner Frau. Das alles hat mich neugierig gemacht und hinterher bat ich meinen Wolfgang, ein geselliges Zusammensein bei gutem Essen, mit Bier und Wein bei uns zuhause zu verabreden.

Unser erstes Meeting begann um 19 Uhr und endete morgens um drei Uhr – weitere fingen zwar früher an, aber die Stundenzahl blieb gleich.

Wir vier Multikulti-Typen waren auf einem guten Weg, der Zukunft und Freundschaft signalisierte – und das ist mit Sechzig plus eine Rarität, wie ich meine.

Wenn wir uns trafen, war es gemütlich, lustig, gesellig und launig aber auch sehr ernsthaft und oftmals sehr kreativ.

Lieber Fred, Du bist der Patenonkel von www.vegesack-maritim.de und das hat sowas von Spaß gemacht, mit Dir dieses Projekt zu entwickeln und das Baby aus der Taufe zu heben. Schade, dass das Kind nun ohne Dich aus den Windeln kommen und aufwachsen muss….

Und da bin ich auch schon bei unerwartet. Wenn jemand mit Ende Neunzig ins Himmlische wechselt, dann ist das normal, es sei denn, wir denken an die Bibel und Methusalem. Wenn wir in einer solchen Zeitungsanzeige aber lesen, dass man das Ableben in die Rubrik „plötzlich und unerwartet“ einstuft, dann ist das für die Angehörigen zwar traurig und schlimm, für Außenstehende aber eine Formulierung zum Schmunzeln.

Mit Ende Sechzig ergeben diese drei Worte aber eine ganz anderen Sinn. Sie bedeuten, mindestens zwanzig Jahre zu früh!

Unerwartet früh bist Du nun raus aus unserer Mitte: Deiner Familie, Deiner Freunde, Deiner Bekannten – Du bist plötzlich nicht mehr da. Unerwartet heißt: Knall auf Fall!

Knall auf Fall können wir nicht mehr mit Dir telefonieren, reden, lachen, weinen, diskutieren, spielen, essen, trinken, streiten, spazieren gehen, meckern, frühstücken, diskutieren und all die Dinge machen, die wir gerne mit Dir gemacht haben.

Der Krebs war kräftiger als Du. Er hat Dich in die Knie gezwungen, Du hast den Kampf blöderweise gegen ihn verloren. Wir konnten Dir alle nicht helfen, Dich nicht gegen ihn verteidigen, gegen ihn schützen.

Wer hätte das vor einigen Monaten gedacht!

Warum hat es Dich erwischt? Mindestens einhundert Mal die Frage nach dem Warum und warum gerade Du?

Unerwartet und plötzlich ist alles ganz anders – nämlich ohne Dich. Wir haben keine Gelegenheit mehr, Dir dies und das und vor allem tschüss zu sagen.

Du wolltest mich den richtigen Matjes kosten lassen, mich richtig guten Genever probieren lassen – so hattest Du es versprochen. Ich bin traurig, dass nun dafür keine Zeit mehr ist. Einen Platz in meiner Erinnerung wirst Du aber immer haben und ich bin sehr dankbar, dass ich Dich kennenlernen durfte – wenn auch viel zu kurz!

Mach’s gut, lieber Fred und lass Dir den Duft von Matjes um die Nase wehen und möge Dich das leise Klappern der Windmühlen auf Deiner Reise begleiten.

Dagmar.

10.07.2017