Vorlesung für Best Ager

Nicht nur ein gutes Dutzend kam zum Schulschiff Deutschland, nein, es waren über hundert Menschen, die neugierig auf den Vortrag des Meeres- und Biologieforschers waren. Eine Handvoll Jüngere waren ebenfalls da – aber wirklich nicht der Rede wert. Altersmäßig dominierten die Best Ager, wie man die Goldene Generation heute nennt. Senioren sagt man nicht mehr, dieses Wort ist nicht zeitgemäß und längst durch 50plus oder so ausgetauscht worden.

Die Stühle reichten jedenfalls nicht aus, um allen Anwesenden die Vorlesung von Prof. Smetacek im Sitzen zu präsentieren. Es war fast wie früher an der Uni, wenn die beliebtesten Dozenten zur Vorlesung riefen. Dann füllte sich der Hörsaal mit Studenten, die eng aneinandergedrängt saßen, standen oder auf dem Fußboden hockten.

Eine prickelnd-gespannte Atmosphäre machte sich breit und dann legte er los: Professor Smetacek, der Forscher und Meeresbiologe, halb indisch halb tschechisch, auch Silver-Ager, junge 70 Lenze auf dem wissenschaftlich vielfach ausgezeichneten Buckel und mit einem Bambus-Zeigestock aus eigener Züchtung von stattlicher Länge.

Der Prof animierte sein Publikum, Fragen zu stellen und das gestaltete diese zwei Stunden rundum locker, informativ und sehr kurzweilig.

Umweltverschmutzung kennen wir alle. Dass die Meere und Ozeane davon betroffen sind, weiß jeder. Irgendwie trägt jeder von uns dazu bei. Dass es kaum noch Wale gibt, war nicht jedem klar. Dass das Kleinzeug – wie Algen, Plankton, Krill, Schnecken und andere ähnliche Meeresbewohner – immer weniger werden und manche schon ausgestorben sind – auch nicht. Dieses „Getier“ gehörte über Jahrtausende dazu, hat die Natur einst so eingerichtet. Es sorgte dafür, dass es im Wasser ausgewogen zuging, das Wasser gesund war, jeder was zu fressen hatte, keiner verhungern musste – ob große oder kleine Meeresbewohner. Alles passte, alles stimmte, alles regulierte sich durch die herrschende Symbiose, durch das Fressen und gefressen werden. Der Mensch hat’s mit seinem permanent ansteigenden Raubbau und Frevel – den er so ziemlich überall betreibt – innerhalb von nur einem Jahrhundert geschafft, die Natur fast k.o. zu schlagen!

Über dieses Desaster in den Weltmeeren hat der Prof emotional, engagiert, wissensreich aber auch traurig bewegt den Zuhörern berichtet und seine Vorlesung mit entsprechenden Fotos verfeinert.

Manchmal war’s im Publikum so mucksmäuschenstill, dass man die berühmte fallende Stecknadel wie einen Paukenschlag hätte hören können. Ob wohl der eine oder andere über die Kreuzfahrten nachdachte, die er in den vergangenen zwanzig Jahren mit AIDA & Co. entlang der Eisberge in Grönland oder der norwegischen Fjorde gemacht hat? Vielleicht auch an die wunderbaren Flugreisen nach Asien, in die Südsee und den Wanderurlaub in den Mangroven oder in Patagonien? Na ja, jedenfalls konnte man sehen, wie es hinter so manch einer Stirn rebellierte!

Tja, sowas kommt eben von sowas – doch was will man machen, wenn man was von der Welt sehen will, ist der Urlaub auf dem Bauernhof absolut nicht das richtige Ziel – es sei denn…. aber das ist ganz sicher ein anderes Thema!

Irgendwann war’s vorbei mit der Vorlesung – leider! Nach Meinung etlicher Schulschiff-Gäste hätte das gut und gerne noch ein Weilchen weitergehen können.

Die Location stimmte, der Veranstaltungszeitpunkt auch, zu meckern gab’s nix, unterhaltsam war es außerdem und man wurde gesehen und konnte selbst mal gucken, wer mit wem – na und so weiter. Drum: Daumen hoch für diese Veranstaltung! Sie war toll für alle, die gerne gesehen werden, an intellektuellen Themen und an ein klein bisschen Klatsch und Tratsch als Begleitmusik interessiert sind. Für all diese Herrschaften darf’s gerne wieder einen frischen Aufguss geben. Schließlich muss man regelmäßig vor die Tür, sich selbst und die teuren Klunkern der Öffentlichkeit präsentieren und die schicke Eleganz kann schließlich nicht nur für den Kleiderschrank sein. Und was könnte wohl besser mit Kultur und Wissenschaft harmonieren….!

27.07.2017