In Bremen sagt man tschüss

Der Fußbodenbelag schluckt störend laute Schritte, Absatzgeklacker und Stuhlgeschurre. Der Raum mit der leisen Hintergrundmusik lädt zur Stille, zum stillen Gedenken, zum Abschiednehmen ein. Viele flackernde Teelichte auf einem Samtflor spiegeln leuchtend funkelnde Sterne auf einem leicht wogenden Wasser wieder – besonders dann, wenn man durch einen Tränenschleier schaut – wie ich. Ein Foto auf der Staffelei von dir, lieber Freund, mittendrin. Um dich herum fünf geschmackvolle Blumengestecke aus gelbleuchtenden Sonnenblumen, dunkelroten Rosen und vielen bunten Sommerblumen, eingerahmt von großen elfenbeinfarbenen Kerzen.

Warum gerade du? Bei diesem Gedanken erwische ich mich und schäme mich gleichzeitig, sowas auch nur zu denken. Trotzdem: warum gerade du? So manch einer, der deinetwegen heute gekommen ist, wird sich das fragen, „warum Fred?“

Viele, sehr viele Menschen sind gekommen, um Abschied von dir zu nehmen. Familie, Freunde, Nachbarn, Wegbegleiter und alle sind traurig, dass du nicht mehr bist. Aber auch dankbar, glücklich und zufrieden, dich gekannt zu haben. Jeder hinkt vermutlich seinen Gedanken nach und dem, was er mit dir erlebt hat, erleben durfte. Ich auch…….

Es ist keine Kirche, es läuten keine Glocken, keine Orgel ertönt, kein Pfarrer oder Pastor im wehenden Gewand, mit einer Bibel in den gefalteten Händen, mit sakral-traurigem Gesicht erscheint. Es ist alles ganz anders, weil eben keine Glocken mahnend läuten, keine Orgelmusik durch den Raum hallt und weil das Abschiednehmen eben nicht in einer Kirche stattfindet. Alles ist ganz anders. Aber anders warst du schließlich auch. Drum passt dieses Ambiente – es dürfte kein anderes sein!

Der zum Rednerpult geht trägt einen, dem Anlass angemessenen Anzug und kommt nicht gerade traurig daher. Er begrüßt deine Angehörigen und alle anderen und fängt an, von deinem Leben zu reden, lieber Fred. Besser gesagt: er klappt das Fotoalbum deines Lebens auf und animiert jeden Anwesenden, sich an die ganz persönliche „Fotostrecke“ mit dir zu erinnern. Ich wette, jeder im Raum fühlt sich angesprochen und animiert, das zu tun – ich auch und ich merke, dass es gut tut!

Diese Art des Rückblicks ist was sehr Schönes. Er verändert das vorherrschend bedrückende und traurige Gefühl und führt auf einen völlig neuen Weg zu einem Denkansatz der etwas anderen Art. Auf den Weg der Erinnerung „mit Fred“ und nicht auf den „ohne Fred“! Fred hat sich eben auf eine Reise gemacht, auf eine lange und sehr weite Reise, deshalb gibt es ein Wirklich-wegsein nicht, es gibt nur ein Weiter-Entferntsein! Irgendwie einleuchtend, wie ich finde. Und das mit der weiten und fernen Reise passt zu Fred wie die Faust aufs Auge. Immerhin war Tourismus mit allem Drum und Dran sein berufliches Leben – seine Berufung.

Viele Trauergäste sind ergriffen, nachdenklich und ihnen rollt die eine oder andere Träne über die Wange – auch den großen stattlichen Kerlen, den Hartgesottenen. Etliche gehören zur Golden-Generation und werden vielleicht auch bald die Reise auf dem River of no return antreten – wer weiß schon, wann es einen erwischt….

Sicher bin ich mir aber, dass diese ganz besondere Art des Abschiednehmens in dieser Atmosphäre vielen gefallen hat und der eine oder andere es zumindest überdenken wird, diese Variante für sich in Anspruch zu nehmen – wenn’s dann mal so weit ist.

Mir fällt eine Zeile eines Liedes ein, das Trude Herr als erste gesungen hat. Es beschreibt das Gefühl des Menschen, der gerade dabei ist, die Tür hinter sich zu schließen: „Niemals geht man so ganz, irgendwas von mir bleibt hier, es hat seinen Platz immer bei dir.“

Lieber Fred, das war zwar ein viel zu früher Abschied von dir, aber ein wunderbarer und einer, der dir und deinem Naturell entsprach.

Tschüss, mach es gut und adios muchacho, sie war kurz, aber schön die Zeit mit dir!

28.07.2017