„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!!

Original-Wortlaut von DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht am 15. Juni 1961 während einer Pressekonferenz. Am 13. August 1961 ist mit dem Bau der Berliner Mauer begonnen worden und sie blieb 28 Jahre stehen.

Erst am 9. November 1989 bekam sie Risse. Vermutlich nur durch den legendären Versprecher von Günter Schabowski, SED-Politbüromitglied. Auch hier war’s wieder eine Pressekonferenz und u.a. stellte man Schabowski eine Frage zum Reiserecht. Umständlich und ausschweifend schwadronierte er und endete mit diesem folgenschweren Satz: „Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen.“ Und ab wann gilt diese Regelung? „Das trifft nach meiner Kenntnis………… ist das sofort, unverzüglich“, stammelte Schabowski.

Noch am gleichen Abend machten sich unzählige Menschen zögerlich auf den Weg gen West. An vielen Grenzübergängen klappte es auf Anhieb, da wussten die Vopos Bescheid. An anderen Stellen spielten sich brenzlige Situationen ab und am liebsten hätte der eine oder andere Uniformierte von seinem Schießbefehl Gebrauch gemacht.

Doch nicht nur die Ossis probierten diese neue Regelung aus. Auch wir Wessis machten uns auf die Socken, das von Schabowski Gesagte zu testen. Es klappte! Stinkende Trabis verpesteten den Ku’Damm, doch das störte niemanden, alle freuten sich.

Wir umarmten die von da drüben und die uns, wir heulten mit ihnen vor Freude, tranken das eine oder andere Gläschen zur Begrüßung, Wildfremde herzten sich, tauschten Telefonnummern aus, waren ganz plötzlich Brüder und Schwestern – Berlin erlebte Großartiges!

Es war eisig kalt in dieser Nacht. Trotzdem taute das Eis der Geschichte und man spürte es ganz deutlich: die Eiszeit zwischen Ost und West erfuhr Tauwetter! Im hellerleuchteten Teil meiner Heimatstadt wurde bis Sonnenaufgang gefeiert und die Stimmung war ausgelassen, fröhlich, wie niemals wieder danach und vermutlich auch niemals zuvor.

Im Ostteil hingegen war’s dunkel. Es wurde hinter der Mauer auch nicht hell, als die Sonne vom strahlendblauen Himmel auf diese eiskalte aber glückliche Stadt und ihre Einwohner schien. Die Politprominenz aus dem finsteren Teil unseres Landes raufte sich die Haare, hätte am liebsten Schabowski weit weg auf den Mond geschossen und seine Worte für ungültig erklärt. Doch das ging nicht mehr. Das Rad der Geschichte hatte sich bereits in Bewegung gesetzt, nahm Fahrt auf und war nicht mehr zu stoppen!

Die Stadt war voll von Menschen. Ein Gewimmel, ein Gewühle war’s und ein Stimmengewirr – vielleicht vergleichbar mit dem biblischen Babylon. Dialekte waren live zu hören, die unsereins aus West-Berlin nur aus dem Fernseher und von der Transitstrecke kannte. Total überfüllte öffentliche Verkehrsmittel stauten sich auf den Straßen, auf den Bahnsteigen ging’s weder vor noch zurück, die Stadt erlebte ein niemals dagewesenes Verkehrschaos.

In den Geschäften waren Regale leergefegt, Blumengeschäfte verschenkten nicht nur rote Nelken, das KaDeWe und andere Kaufhäuser mussten vorübergehend wegen Überfüllung schließen.

Irgendwann begriffen nicht nur die Politiker hüben und drüben sondern alle Menschen, was da für ein historisches Ereignis ablief. Wer von denen nicht in West-Berlin war, machte sich von Bonn und anderswo auf den Weg in die zwar immer noch durch die Mauer geteilte Stadt. Jeder wollte diese Mauer des Todes wackeln, wanken und fallen sehen…dieses grässliche Bauwerk, das so viel Unglück über Menschen und in Familien gebracht hat.

Mal wieder schauten die Völker der Welt auf diese Stadt!

Zum 13. August 2017