Die Welt trauert um Elvis und in Burgdamm steppt der Bär

1977: Walter Scheel ist Bundespräsident und Schmidt-Schnauze Kanzler, Borussia Mönchengladbach deutscher Fußballmeister und Niki Lauda Sieger der Formel Eins. Blüten im locker hochgesteckten Haar, Schlaghosen untenrum und wer es sich figürlich leisten kann gerne auch Hot Pants. Die RAF versetzt Deutschland in Angst und Schrecken und in den Vereinigten Staaten regiert Jimmy Carter. Er hat die traurige Aufgabe, den Tod von Elvis Presley „The King of Rock ’n’ Roll“ am 16. August 1977 zu verkünden.

So ziemlich überall auf der Welt trauern die Menschen um ihn, nur in Burgdamm ist kaum Zeit dafür, da wird Großes vorbereitet. So ist nun mal das Leben – wat den Eenen sin Uhl, is den Annern sin Nachtigall – sagt man hier! Am 17. August 1977 ist es soweit: Das Mama Leone-Team startet durch mit Pizza, Pasta und anderem italienischen Schnickschnack aus Pütt, Pann und Ofen. Ab sofort muss niemand mehr bei Currywurst und Pommes bei den Drei Damen vom Grill zusammen mit Günter Pfitzmann abends vorm Fernseher darben und wem Himbeereis zum Frühstück nicht schmeckt, bestellt ab sofort Tiramisu bei Karin und Toni zum Dessert.

Vermutlich steht auch eine Jukebox in der neuen Lesumer Pizzeria – plattenmäßig gefüllt mit aktuellen Hits wie Daddy Cool von Boney M., Marianne Rosenberg mit Marleen, eine von uns beiden muss nun gehn und Peter Maffay mit seinem Party-Knaller …und es war Sommer – alles auf Knopfdruck und für ne Mark.

Die Jukebox gibt’s nicht mehr, Toni leider auch nicht. Aber sonst ist eigentlich alles wie vor vier Jahrzehnten im Mama Leone und ein Besuch ist eine Reise in die Vergangenheit. Der Tresen, die Küche, die Möbel, die Deko an den Wänden und ringsherum – hier ist die Zeit stehengeblieben! Freunde des blauen Dunstes müssen auf „die Geliebte“ nach gutem Essen nicht verzichten. Zum Rauchen schickt man sie nicht bei Wind und Wetter vor die Tür, denn im „Glimmstängel-Separee“ ist immer ein Plätzchen frei. Frischluftliebhaber finden im „Freigehege“ in den Sommermonaten ihren idealen Aufenthaltsort. Bei hitzigen Temperaturen, kühlen Getränken und besonderen Fußballereignissen geht’s beim Public Viewing oft ganz schön heiß her.

Ob wohl die Speise- und Getränkekarte noch die ursprüngliche ist? Von außen kann’s gut sein und von innen vielleicht auch. Das Mama Leone ist eben der Italiener an der Ecke, aus den Siebzigern, wie es ihn heute kaum noch gibt. Alles ist so wundervoll altmodisch, ohne Pomp und Prunk, so bodenständig und herrlich in die Jahre gekommen. Die vielen Stammgäste fühlen sich pudelwohl bei Karin und ihrem Team und etliche sind gemeinsam mit ihrer Pizzeria in die Jahre gekommen. Oft bringen sie ihre Kinder und Enkel mit und nicht selten beginnen Unterhaltungen mit den Worten „weißt du noch damals, als wir…“

Wenn Karin ihre Gäste in Empfang nimmt, sie herzlich begrüßt, an den reservierten Tisch bringt und die Bestellungen notiert ist das nicht einfach nur Routine einer geschäftstüchtigen Wirtin. Sie lebt für ihre Gäste – ihre Gäste sind ihr Leben. Eigentlich ist sie Mama Leone denn dort ist sie in ihrem Element und wen würde es schon wundern, wenn aus der Jukebox das Lied „Forever Young“ erklingen würde.

August 2017