„Aus dem Osten kommt nichts Gutes!“

So drückten es früher die West-Berliner aus. Gemeint war die Zeit nach dem Krieg, während des Kalten Krieges und vor dem Fall der Mauer. Beispielsweise das Wetter: Ostwind war im Winter lausig kalt, brachte im Sommer Affenhitze und 1986 strahlte Tschernobyl bis nach Berlin und Mauer und Stacheldraht waren für die Giftwolke kein Hindernis. Das gab Grund zur Feststellung, dass nichts Gutes aus dem Osten kommt.

Neustrelitz liegt auch im Osten und da lebte Tante Elli. Sie kam oft zu Besuch und sie ließ sich weder von Vopos noch von der Mauer von ihre Stippvisiten nach West-Berlin bremsen. Keine Ahnung, wie das funktionierte, aber sie kam regelmäßig zu uns nach Spandau!

Tante Elli war in erster Linie Fräulein, zweitens Gymnasiallehrerin in Neustrelitz und auf beide Tatsachen legte sie riesengroßen Wert. Mager und schrecklich blass war sie immer. Opa war der Meinung, dass sie schon so auf die Welt gekommen ist – er musste es wissen, denn sie war seine Nichte.

Wenn man geübt war, konnte man meist schon am energischen Klingeln hören, dass sie es war, die in ihrem in die Jahre gekommenen und viel zu langen grünen Lodenmantel, den selbstgestrickten Strümpfen, den abgetragenen Schnürschuhen und dem ulkigen Filzhut mit der Feder an der Krempe vor unserer Haustüre stand.

Hungrig war sie immer und wenn meine Mutter ihr Kaffee und Kuchen oder was anderes anbot, sagte sie niemals nein danke aber dafür mit Regelmäßigkeit „mach dir keine Umstände, Lena!“ Lena machte sich aber Umstände und tischte auf und Elli verputzte alles, was man ihr vorsetzte.

Papa hat den Braten schon immer im Flur gerochen, wenn er an der Garderobe vorbeiging. „Der Lodenmantel ist mit irgendwas imprägniert“, sagte er jedes Mal, „was für West-Nasen nicht geeignet ist!“ Am liebsten hätte er dann auf dem Absatz kehrt gemacht, um in seiner Stammkneipe Zur letzten Ecke ein Feierabendbier zu trinken.

Wenn Elli uns nicht besuchte, schrieb sie Briefe in Schönschrift. Dann konnten auch alle Familienmitglieder fein säuberlich und gestochen scharf lesen, was sie sich für „ein paar Kleinigkeiten“ wünschte, falls man ihr mal ein kleines Päckchen schicken wollte. Von wegen: Mal ein kleines Päckchen! West-Pakete waren das Beste, was man in den Osten schicken konnte und worüber sich alle DDR-Bewohner tierisch freuten und Tante Elli ganz besonders! Viele Pakete wurden an sie akribisch gepackt und abgeschickt, und zwar immer genau nach ihren Anweisungen.

Ellis Wunsch-Listen wurden pingelig abgearbeitet. Es wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, ihr irgendeinen Kaffee zu schicken und nicht ausdrücklich den, der ihr Herz via Filtertüte und Kaffeetasse kräftiger schlagen ließ! Mit Seife, Zahnpasta, Strumpfhosen, Büchsenmilch, Schokolade, Puddingpulver, Kakao und vielen anderen Genussmitteln war es ebenso. Es mussten auch immer Markenartikel sein, irgendwas Billiges aus dem Tante-Emma-Laden war ein NoGo für jedes an sie adressierte Paket! Opa war davon überzeugt, dass sie bei Fehleinkäufen es uns postwendend zurückgeschickt hätte.

Wenn Tante Elli zu uns kam, brachte sie nie etwas mit, außer einmal. Es war ein Karfreitag in den Sechziger Jahren und sie kam mal wieder unangemeldet. Diesmal hatte sie ein kleines, ledernes Köfferchen dabei und Herrn Ackermann im Schlepptau. Herr Ackermann war altersmäßig genauso undefinierbar wie Tante Elli auch. Die beiden alterslosen Wesen wollten die Osterfeiertage in West-Berlin verbringen, bemerkte sie beiläufig, als auf dem Teller mit dem frischgebackenen Oster-Hefezopf sich nur noch ein paar Krümel langweilten und Lena bereits die zweite Kanne mit duftendem Kaffee auf den Tisch stellte.

Lena war völlig perplex und total überrumpelt und wünschte sich ihren Mann herbei. Der war aber mit ein paar Freunden bei Opa Franz im Garten und momentan nicht greifbar.

Elli redete wie immer nicht viel – Herr Ackermann noch viel weniger, fast gar nichts, was aber aufgrund seines Sprachfehlers verständlich war – er stotterte nämlich! Also übernahm Elli die Kommunikation für beide und die begann damit, dass ihnen die DDR-Behörden den Besuch in West-Berlin für acht Tage bewilligt und Elli rein aufenthaltstechnisch unsere Adresse angegeben haben.

Lena fiel sozusagen innerlich vom Stuhl! Acht Tage mit Elli, unter einem Dach, mit ihr frühstücken und den Tag verbringen – unmöglich! Himmel, wenn man den eigenen Mann mal dringend braucht, ist er nicht da! „Na das ist ja ne Überraschung, da muss ich erst mal mit Karl sprechen!“ quetschte sie durch die Zähne und ich merkte, wie es bei meiner Mutter im Oberstübchen ratterte. „Elli, vielleicht möchtest du dir mit Herrn Ackermann ein wenig die Füße vertreten und ihr macht einfach mal nen Spaziergang bis zu Franz in den Garten, wo auch Karl ist!“ Elli wollte nicht und Herr Ackermann gar nicht erst gefragt; eine brauchbare Antwort von ihm hätte sowieso viel zu lange gedauert.

Bei Opa Franz gab es keinen Telefonanschluss im Garten und Handys waren noch nicht erfunden. Drum gab’s nur eine Möglichkeit: Ich fuhr mit dem Fahrrad zu Papa und Opa, um sie zu holen. Beide waren wenig begeistert, als sie auf die unerwarteten Gäste trafen und die wiederum ziemlich enttäuscht, weil sich keiner über ihren Besuch sichtlich freute. Mein Vater kam auf die grandiose Idee bei Ellis Nenntante Trudchen Hannemann in Haselhorst anzurufen. Sie ist seit kurzem Witwe, über ein bisschen Gesellschaft freut sie sich bestimmt und eine große Wohnung hat sie außerdem. So war’s dann auch und sie erwartet die beiden Neustrelitzer zum Abendessen!

Nachdem dieser wichtige Punkt geklärt war, entstand sowas wie Smalltalk und dazu trug auch ein Gläschen von Opas selbstgebrautem Obstwein bei. Jetzt interessierte man sich vor allem für Herrn Ackermann und stellte Fragen zu seiner Person, die überwiegend von Elli beantwortet wurden, das ging übrigens auch wesentlich schneller. Und als mein Vater wissen wollte, ob Ellis Begleiter verheiratet ist, antwortete dieser sogar unverzüglich selbst: „Nein, bin ich schon lange nicht mehr. Sie werden lachen, meine Frau ist schon tot…!“ stotterte Herr Ackermann und war sichtlich glücklich darüber, alle eventuell vorhandenen Bedenken bezüglich seiner Verbindung zu Elli ausgeräumt zu haben.

So endete dieser Karfreitag viel lustiger als um die Mittagszeit erwartet und der Satz unseres Gastes mit der Sprachstörung wurde zum geflügelten Wort in der Familie.

09.10.2017