Erst sitzen und dann stehen sie!

Keine Angst, es geht nicht um Männer, die beim Pinkeln sitzen oder stehen. Dieses Thema ist mittlerweile wohl durch, denn die meisten Zweibeiner, die das Wasserlassen in beiden Positionen ohne Mühe verrichten können, haben begriffen, dass das Sitzen eine viel bessere Variante ist – zumindest in gefliesten Räumen!

Vielmehr geht’s mir im Besonderen um den schludrigen Umgang mit unserer deutschen Sprache, die doch eigentlich so ausdrucksstark in ihrer geschriebenen Wortvielfalt ist.

Nehmen wir mal das folgende Beispiel:

In den Medien ist immer öfter zu hören und zu lesen, dass jemand in Haft sitzt oder vor Gericht steht. Ist doch nicht wirklich richtig – oder? Schließlich muss niemand ununterbrochen im Gefängnis sitzen, denn schließlich gibt’s in jeder Zelle auch ein Bett und Rumlaufen ist auch nicht verboten. Vor Gericht ist es ähnlich: Auch da steht man für gewöhnlich nur, wenn das Richtergremium den Saal betritt und vielleicht noch bei persönlichen Befragungen, Zeugenaussagen – eben, wenn man gefragt wird. Ansonsten darf der Delinquent, die Täterin oder Zeugin gerne sitzen. Nur sitzen oder stehen – geht gar nicht! Da hätten sicherlich die Menschenrechtler was dagegen und würden diese Einseitigkeit ganz bestimmt anprangern.

Das ist Umgangssprache, Jargon, Slang und das ist auch gut so. Muss aber nicht immer und überall sein! In Nachrichtensendungen oder bei den Schreiberlingen der Zeitungsartikel kann doch eine andere Wortwahl getroffen werden. Jemand wurde festgenommen und inhaftiert, in Gewahrsam genommen, befindet sich in Arrest oder hinter Gittern, jemand wird angeklagt oder beschuldigt, muss sich vor Gericht verantworten – Herr Duden hat so etliche Worte zur Auswahl gestellt, die nicht dem legeren Slang unserer gesprochenen Sprache entsprechen.

Immerhin ist zumindest das öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen offiziell auch für Bildung zuständig, von dem schließlich alle Zuhörer und Zuschauer was abbekommen sollen und ganz besonders Kids auf dem Weg ins Leben. Und dazu gehört schließlich auch die Sprache.

War übrigens keine schlechte Idee, dass mit dem Bildungsfernsehen und –Radio als Ursprungsgedanke aus grauer Vorzeit. So mancher, der in den vergangenen sechzig Jahren mit diesen Medien aufgewachsen ist, hat davon profitiert. Aber nun ist zumindest die Anstalt, bei der dir Zuschauer immer in der ersten Reihe sitzen, ins Gerede gekommen. Denn auf Wunsch eines ostdeutschen Medienministers – vermutlich aus dem Tal der Ahnungslosen – soll das Erste der ARD verändert oder sogar abgeschafft werden.

Aber bis so etwas beschlossen und verkündet wird – wenn überhaupt – werden noch viele Jahreszeiten kommen und gehen.

Bis dahin könnten die Verantwortlichen sich doch mal bemühen – zumindest in ihren tagesaktuellen Sendungen – an der deutschen Sprache zu feilen, an ihrer Wortvielfalt, an der Bedeutung der Worte und am Stil des Ausdrucks.

Etwas Nostalgie gepaart mit moderner Umgangssprache dürfte der in die Jahre gekommenen alten Dame sicher nicht schwerfallen.

Sonst sitzen die Anstaltsinsassen irgendwann wirklich nicht mehr auf ihren bequemen und gut gepolsterten Stühlen, sondern stehen mitten auf der belebten Straße vorm Jobcenter.

28.10.2017