Sie sind Dinos, aber nicht ausgestorben

Sie gehen morgens joggen, unter die Dusche dann zum Doktor und Apotheker ihres Vertrauens, danach geschwind zur Vorlesung in die Uni. Sie tingeln durch die Weltgeschichte, erkunden Urwälder, einsame Inseln, haben ihre eigenen Personaltrainer im Fitness-Center, stürmen Kreuzfahrtschiffe. Man trifft sie überall – auf Radwanderweg, beim Klettern in den Bergen, auf dem Becks-Bier-Segler, beim spanischen Grillfest am Strand, auf dem Tennisplatz, beim Square Dance im Heimathaus neben dem Übungsraum des Kirchenchors. Sie sind Internet affin, sind begeisterte Speed-Dater, sie machen Dinge, an die früher niemals jemand gedacht hätte.

All diese fitten Fitnessbolzen gehören zur Generation Sechzig Plus und sind Alters- und Frührentner, Pensionäre, Privatiers – eben Menschen, die den Arbeitsalltag hinter sich haben. Junggebliebene, die ihr Leben genießen, mit und ohne Kinder, Enkelkinder, ohne Stress mit mehr oder weniger Kleingeld im Portemonnaie und noch jede Menge Zeit auf der Lebensuhr. Überall sind sie anzutreffen und oft haben sie kleine Täschchen mit diesem und jenem dabei. Utensilien, die man eben so braucht.

Okay, nicht immer ist es um die Gesundheit der New-Ager bestens bestellt. Aber für die kleinen und großen Maläsen haben sie schließlich das unauffällige – jedoch inhaltsvolle – Täschchen dabei. Drum ist die Visite beim Doc und dem Apotheker ihres Vertrauens wichtig, denn die empfohlenen kleinen Wundermittel gehören dazu und vertreiben kleine Zipperlein und generell den Gedanken ans Älterwerden.

Gesundheit, Lifestyle-Erkrankungen und Anti-Aging sind für den User kostspielige Groschengräber – für den Berater und Hersteller allerdings ein lukrativer Wirtschaftszweig. Gegen jedes noch so kleine Unwohlsein gibt’s was. Gegen den muckernden Meniskus, das nicht mehr ganz so taktvoll schlagende Herz, hässliche Krampfadern, schwere Beine, schlaffe Augenlider, nervige Kreuzschmerzen, ausfallende Haare, brüchige Fingernägel, nachlassende Libido – die Liste der Wehwehchen ist endlos lang.

Aber heutzutage ist nicht nur gegen alles ein Kraut gewachsen, es ist auch in Apotheken, Drogerien, Beauty Tempeln und anderswo zu erwerben – meist legal, manchmal illegal – aber immerhin scheißegal, wenn’s ums Nichtaltern und die ewige Schönheit geht!

Als die jungen Alten in den Kinderschuhen steckten, gab es bereits Nivea. Nivea gab‘s gefühlt immer. Mit Nivea sind Generationen aufgewachsen und deshalb vertrauen sie dieser Marke. Was für den zarten Baby-Po gut ist, kann faltiger Alterspelle nicht schaden – haben sich die Nivea-Macher auch gedacht und hat die Produktpallette immens erweitert. Schier unendlich ist die Nivea-Welt – es ist nicht mehr die Creme oder das Shampoo! Man muss schon wissen, was man für Haut hat: trockene, reife, sensible, normale, fettige, unreine oder gar Mischhaut. Hinzu kommt, welcher Körperteil „geschmiert“ werden soll und ebenso, ob man Männlein oder Weiblein ist.

Selbst Haare waschen dient keineswegs nur der Sauberkeit. Hier sollte ebenso analysiert werden, ob das, was einem dort auf dem Kopf wächst, eher dünn, dick, lang, kurz, getönt, gefärbt, fettig, von der Sonne beschienen, strapaziert oder gar in die Jahre gekommen ist. Selbstverständlich gilt das auch für Deos, Kosmetik und all das, was dann offensichtlich in Augenschein genommen werden kann.

Die Großmutter von heute trägt Make-up, Lippenstift und Nagellack, fährt gemeinsam mit Großvater im trendigen Freizeitlook auf dem E-Bike-Tandem mit den Enkeln zum Spielplatz, sie schaukeln, spielen Ball, fahren Karussell – sie sind mobil und fit – man merkt ihnen die Sechzig plus kein bisschen an.

Sie genießen ihr Alter, sie definieren sich neu, sie sind die „Arbeits-Abbrecher“ von gestern und die „Freizeit-Gewinner“ von heute. Frühverrentung für die, die es sich leisten können. Sonst Abflug aus dem Arbeitsleben mit dem 60., 63., 65., 67. Lebensjahr, her mit der Lebensversicherung, den neuen Ideen, der neuen Welt, einem ganz neuen Leben, auf in eine neue Zukunft! Schließlich weiß niemand, wann das Blatt sich wendet……also auch die Dinos hat’s erwischt, na und Ärzte und Apotheker wollen auch Leben.

Wie sagte Eugen Roth einst: „Was bringt die Ärzte um ihr Brot? A.) die Gesundheit, B.) der Tod. Darum hält ein Arzt – auf, dass er lebe – dich zwischen beiden in der Schwebe.“

03.11.2017