Von Fenstern, Kerzen und Trabis

Zum ersten Mal stellten wir in der Adventszeit und zum Jahreswechsel keine Kerzen ins Fenster, verschickten keine Päckchen, beantragten keine Passierscheine und drängelten uns nicht an den Grenzübergängen.

In diesem Jahr war alles anders – ganz anders!

Am Abend des neunten Novembers tickte die Welt nicht mehr so, wie noch am Morgen des gleichen Tages im bislang idyllischen und eingeschlossenen West-Berlin. Bis dahin war die Mauer keinesfalls ein beliebtes Bauwerk, aber irgendwie hatten sich die Berliner an sie gewöhnt, sich mit ihr arrangiert. Plötzlich war sie „begehbar“, und zwar von beiden Seiten und das war für alle Beteiligten ausgesprochen gewöhnungsbedürftig!

Bis dahin war in West-Berlin niemals etwas knapp, außer damals, nach dem Krieg zu Zeiten der Berlin-Blockade. Immer gab’s alles im Überfluss, Mangelwirtschaft kannte man lediglich in der DDR – dort wurde sie betrieben und verwaltet.

Doch nun auf einmal musste man so manch einer Selbstverständlichkeit wie zum Beispiel vierlagigem Klopapier ganz schön hinterherlaufen. Eigentlich fing das schon bei der Auswahl der Kerzen an. Was heißt überhaupt „Auswahl“? Die hatte man in dieser Vorweihnachtszeit kein bisschen. Wer nicht nur die 24er-Standard-Kiste von Motard in Weiß oder Rot haben wollte, musste ziemlich gut zu Fuß sein. Und überhaupt, wer sich jetzt erst auf die Socken machte, um Weihnachtsgedöns wie Kugeln, Lametta und Glitzerengel einzukaufen, hatte mit Zitronen gehandelt. Selbst die und andere „Südfrüchte“ gab es in diesen Tagen nicht immer und überall!

In dieser Zeit war es keinesfalls eine Seltenheit, auf das eine oder andere leere Supermarkt-Regal zu treffen, was nicht unbedingt zur heimeligen Stimmung der Adventszeit beitrug. Wo man auch hinging, überall war’s überfüllt, Schlange stehen normal und die stinkenden Zweitakter trugen auch nichts zur guten Gesamtatmosphäre bei. Eine gewisse Besinnlichkeit wollte sich bei vielen Menschen absolut nicht einstellen, weder vor Weihnachten, noch zwischen den Jahren und an Silvester.

Es war und blieb hektisch. Sektkorken knallten, Tränen wurden vergossen, das Wiedersehen gefeiert, unter heimischen Weihnachtsbäumen und öffentlich vorm Brandenburger Tor, es wurde geherzt, auf ein gutes und gemeinsames neues Jahr angestoßen, man lernte sich kennen.

Nur Kerzen standen nicht mehr in den Fenstern. Warum auch? Die Menschen, denen sie einst flackernd, hell und feierlich über Mauer und Stacheldraht hinweg leuchten sollten, sind ja nun unter uns, neben uns, sitzen am Tisch, besuchen uns, lachen, essen, trinken und feiern mit uns.

Seither stellen wir keine brennenden Kerzen mehr in die Fenster, die anderen Menschen zeigen, dass wir an sie denken, dass wir ihnen Mut machen wollen, Schlimmes zu ertragen, zu überstehen und das Gefühl geben, nicht alleine zu sein.

Unsere Welt ist eben seit diesem Tag damals im November 1989 eine andere geworden……

13.11.2017