Gastfreundschaft und Hobbypsychologie

Neulich waren Herr Lehmann und Frau Leinemann bei uns zum Essen. Beide sind seit vielen Jahren ein Paar, leben zwar in getrennten Wohnungen, aber solche Einladungen nehmen sie gemeinsam wahr. Da beide Gäste die Mittelmeerkost lieben, haben wir Paella auf den Speiseplan gesetzt. Paella wie sie in Valencia bevorzugt wird – also mit Scampi, Kaninchen, diversen Muscheln und mit grünen Plattbohnen – ist die Art, die ich schon oft zubereitet habe und die eigentlich immer Anklang findet. So auch diesmal. Als auch das letzte Reiskorn weggeputzt war, fanden wir noch lange kein Ende und sowohl unterhaltsame Plaudereien als auch das eine oder andere Schlückchen Wein machten diesen Abend so richtig rund.

Eine langjährige gute Bekannte meines Mannes kommt von Zeit zu Zeit auch mal vorbei. Susanna ist eine Mittfünfzigerin, sehr belesen, steht mit beiden Beinen erfolgreich im Beruf, lebt alleine in einer schönen Eigentumswohnung am Rande der Stadt und genießt ihr Singledasein. Sie mag Hausmannskost verständlicherweise gerne, denn als Single schwingt man nicht so oft den Kochlöffel. Wenn Susanna uns besucht, dann gibt es Kartoffelsalat mit Würstchen, Buletten, Eierkuchen oder selbst gebackenen Kuchen.

Ein geselliges Beisammensein mit ihr macht genauso viel Freude, wie es auch anstrengend ist. Anstrengend deshalb, weil sie ihre feststehende Meinung hat, die man in Diskussionen oder mit klugen Argumenten nur mühsam ins Wanken bringen geschweige denn knacken kann.

Susannas Verhalten ist für mich so was wie ein Déjà-vu. Manchmal erkenne ich mich auch in genau dieser Verhaltensweise, denn auch ich war viel zu lange Single und ich glaube, da wird man so beharrlich und duldet kaum Widerspruch.

Nicht umsonst beschreibt man derartige Singles auch mit den Worten: Die (oder der) ist über fünfzig, lebt alleine und ein Haustier hat sie (oder er) auch nicht!

Was nichts weiter besagt, als dass man in den Fünfzigern anfängt, schrullig zu werden. Hinzu kommt, dass ein häuslicher Gedankenaustausch mit Partner oder Kindern fehlt und weder Katze noch Hund gehören zum Lebensinhalt. Also ein Single ganz besonderer Art!

Ein Haustier wäre in gewisser Weise noch ein adäquater Partner, der Aufmerksamkeit fordert und um den man sich kümmern und mit dem man natürlich vor die Tür gehen muss, falls es sich um einen Hund handelt. Dadurch kommt man in die bevorzugte Situation, wieder andere Herrchen und Frauchen von Vierbeinern kennen zu lernen, mit denen man unweigerlich ins Gespräch kommt.

Ein gern gesehener Gast bei uns ist Margot, die noch nicht lange Single ist. Vor noch nicht einmal zwei Jahren ist ihr geliebter Jonny verstorben. Aus der anfangs totalen Verzweifelung und Hilflosigkeit hat sie sich tapfer ins Sigleleben geboxt. Sie besuchte uns für ein paar Tage und das Rundum-sorglos-Paket, das wir ihr bieten konnten, half ihr – so sagt sie im Nachhinein – und begründet es auch. Während ihres Aufenthaltes bei uns hatte sie die Möglichkeit, rund um die Uhr vierundzwanzig Stunden mit uns zu reden, wenn sie es wollte und wenn sie es brauchte. Sie konnte weinen, sie konnte lachen, sie war nicht alleine, weder beim Frühstück noch bei anderen Mahlzeiten. Die gemeinsamen Ausflüge und Spaziergänge waren Balsam für Margots Seele und genau das Gemeinsame stabilisierte sie für die Zeit danach. Mittlerweile hat sie ein neues Leben und neue Bekannte gefunden und das weckte neue Lebensgeister in ihr.

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