Feliz Navidad und Schiff ahoi!

Welch ein Lärm! Was ist passiert? Wer schreit da so?
Pepe ruft unaufhörlich „arriba, arriba, arriba, arriba!“ Mensch Pepe, wir haben Urlaub, lass uns doch noch schlafen!
Nix ist, raus aus den Federn, Katzenwäsche und ab aufs Segelboot, sonst wird’s heute mit einem Weihnachtstörn nichts mehr!
Die Sonne scheint, der Wind weht frisch vom Meer herüber und die Provianttasche ist gepackt. Frühstück gibt’s an Bord. Aber nun erstmal los, derzeit sind die Tage kurz!

Erst nach einem kleinen Imbiss auf dem Wasser kehrt wieder Ruhe ein. Das Schiff schaukelt und der etwas kühle Wind bläht beharrlich die Segel. Gute vier Windstärken blasen kontinuierlich und wir machen richtig Fahrt. Wir wollen nach Denia, vielleicht bis Calpe, dort Pause machen, ein paar Tapas essen und dann zurück in den Yachthafen von Valencia. Heute ist schließlich Heiligabend und außerdem früh dunkel.

Unser Boot ist fünfzehn Meter lang, wurde von einer unbekannten spanischen Werft gebaut, hat ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel und gänzlich ohne Komfort. Ein echtes Regattaboot sagen die Spanier, die absolut Segelregatta-Besessene sind. Von April bis Oktober läuft auf dem Wasser nichts ohne Regatta. Mal nach Alicante, mal rüber zu den Balearen, mal gen Norden bis Barcelona – irgendwo sieht man die verrückten „Kreuzfahrer“ aus dem Club Nautico Valencia mit ihren Schiffen immer. Pepe natürlich auch, der ist bekannt wie ein bunter Hund und es gibt vermutlich niemanden, der ihn nicht kennt und den er nicht kennt.

Der Wind wird stärker, die Wellen höher, mein Magen schließt sich der Berg- und Talfahrt an. Wenn ich an die Schalentiere denke, die zuhause im Kühlschrank aufs abendliche Grillen warten, schlägt er zusätzliche Purzelbäume. Die Sonne verschwindet, Wolken ziehen auf, der Wind wird böiger, die Segel schlagen hin und her und die Wanten klappern gewaltig.

Wo sind wir eigentlich? Kurz vor Calpe sagt Pepe. Und wie weit ist es noch bis zum sicheren Hafen? Dauert noch, ruft er zurück. Der Regen prasselt in Nullkommanix bin ich klitschnass. Die gelben Regenjacken und Südwester liegen unten im Schiff. Wenn ich runtergehe, muss ich spucken. Ist wohl der Rotwein von gestern. Alle an Bord sind still, führen ohne zu murren Pepes Kommandos aus.
Mir ist saukalt. Ein heißer Grog wäre jetzt toll oder ein Glühwe… nee, lieber nicht! Mir kommt ein Lied in den Sinn – verflucht, wie ging das noch? Ah, ich hab‘s: „Sankt Niklas war ein Seemann, er liebte Meer und Wind. Und alle Jahr zur Weihnachtszeit fährt er Millionen Meilen weit…Sankt Niklas schütze unser Boot vor Klippen, Sturm und Feuersnot…“ Freddy Quinn war der Interpret. Das Lied hat mir nie gefallen, klang traurig, so endgültig und gar nicht weihnachtlich. Aber jetzt begreife ich, was der Text ausdrücken soll.
Mitten in meine Gedanken tut es einen kräftigen Knall. Irgendwas ist passiert, zerbrochen, Holz ist gesplittert…was ist los? Pepe ruft jeden von uns beim Namen. Alle antworten – Gott sei Dank!
Ein Stück vom Besam ist abgebrochen. Sonst ist alles okay.
Der Wind lässt nach, der Regen auch, es klart auf und im Sonnenschein steuerbord voraus liegt die Hafeneinfahrt von Calpe.
„Wie seht ihr denn aus?“ ruft der Hafenmeister uns zu. „Seid ihr ne Runde geschwommen?“ Er heißt Willy, ist aus Berlin und lebt knapp zwanzig Jahre unter spanischer Sonne. „Wartet mal, ich helfe euch beim Festmachen, dann könnt ihr duschen und was Warmes trinken. Ihr seht ja aus, als sei euch der Klabautermann begegnet…!“
Ein doppelter Kaffee mit Cognac – ein Carajillo – weckte unsere Lebensgeister und schon bald waren wir wieder fit für den Rücktörn. Nur unsere Klamotten spielten nicht mit, die waren klitschnass. Willy schlug vor, bei ihm und seiner Frau Carmen zu bleiben. Es wurde ein unvergesslicher Heiligabend, schlaftechnisch ein Provisorium und am nächsten Morgen taten uns alle Knochen weh, als wir aus dem Hafen segelten.

26.12.2017
Gastbeitrag Lena Molenda