Vorwärts immer, rückwärts nimmer!

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Das war eine beliebte Redewendung in der DDR, die der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker oft und gerne in die Welt geblasen hat und nicht nur zum Ende eines Jahres. Vorschau war Programm und musste sein – Rückschau war Planerfüllung!

Wenn das alte Jahr kurz vorm Abnippeln ist, dann ist die Zeit der Nachrufe gekommen. Alle Welt kramt in der Kiste der Vergangenheit und in den Medien gibt’s Rückblicke sortiert nach Frühling, Sommer, Herbst und Winter, nach Sport, Politik, High Society, regionale, überregionale und weltbewegende Ereignisse, Klatsch und Tratsch, tierisch Abgefahrenes – die Themenauswahl ist schier unerschöpflich. Sämtliche Medien, Hörfunk, Fernsehen, Tageszeitungen, Wochenmagazine überbieten sich in diesem Wettbewerb. Etliche in gedruckten Sonderausgaben mit Wort- und Bild-Beiträgen in epischer Breite, nicht selten todernst und dem Anlass entsprechend, oft satirisch, manchmal sogar echt lustig. Hinzu kommt noch das Angebot diesbezüglich im Internet – und das reicht von seriös bis gefakt.

Papierausgaben sind beliebte Sammlerstücke und nicht wenige Menschen horten diese fein säuberlich sortiert nach Jahresausgaben in Regalen, Kisten in Kellern oder auf Dachböden zum Ärger von Mitbewohnern. Selten freuen sich Erben über die Sammelleidenschaft von Verblichenen, denn ihnen obliegt es schließlich, den alten Ramsch zu entsorgen. Liebhaber für das Altpapier gibt’s sicherlich, aber die müssen erst gefunden werden und dass macht viel Mühe. Also ab zur Müllkippe mit dem Geschehen aus den letzten Jahren und etlicher Jahrzehnte!

Manche Jahre waren gut bis sehr gut, über andere will man gar nicht mehr reden. Das liegt allerdings immer im Auge des Rückblickenden, denn der Regenschirmfabrikant freut sich über den verregneten Sommer mehr als der Obstbauer, oder der Urlauber am Badesee auf dem Zeltplatz. Außerdem ist der Blick zurück auch immer eine Altersfrage. Mit siebzehn ist ein Rückblick eher überschaubar als mit fünfzig und mit achtzig guckt man mit der Brille der Lebenserfahrung – vorausgesetzt, man ist zwischenzeitlich nicht debil, vergesslich oder sonst was.

Da sind beispielsweise die stolzen Hansestädter, die nun endlich ihre Elbphilharmonie an den Start gebracht haben. Die sind happy, dass nach Jahren der Verzögerung, Kostensteigerung es nun doch noch mit der Fertigstellung und Inbetriebnahme geklappt hat. Anders hingegen die Hauptstädter. Die halten es eher mit dem Blick zurück im Zorn, denn von ihrem Flughafen fliegen lediglich immer wieder die vermeintlich Verantwortlichen und die Kosten in unendliche Höhe.

Irgendwie blickt jeder mal zurück, am häufigsten, wenn ein neues Jahr an die Türe hämmert. Martin Schulz vermutlich viel lieber auf den Jahreswechsel vor zwölf Monaten als auf den kommenden. Damals nahm er Abschied von Brüssel, ging nach Berlin, um erst Shootingstar der SPD und dann Bundeskanzler zu werden. Doch wie so oft im Leben: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt!

Ob Sigmar Gabriel auf seine verlorenen Kilos zurückblickt, wissen wir nicht, aber auf seine erfolgreiche Arbeit als Vize von Frau Merkel und als Außenminister sicherlich. Und ob Frau Merkel Bock hat, innerpolitisch aufs vergangene Jahr zurückzuschauen, kann man sich nicht wirklich vorstellen.

Vielleicht lag Erich Honecker auch genau richtig mit seiner Feststellung. Eventuell gar keine schlechte Idee, Altes abzuhaken, links liegenzulassen und sich auf Neues zu konzentrieren. Wäre doch auch empfehlenswert für unsere Bundeskanzlerin – oder? Aber das muss man ihr garantiert nicht verklickern – denn mit dieser DDR-Weisheit ist sie schließlich aufgewachsen!

30.12.2017